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Thema: Das Tagebuch des Grafen von Eskens-Kalpenbach - Ein SoF AAR

  1. #61
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    Mittwoch, 12. September 1917, Ärmelkanal

    Obersteuermann Marek benutzte die kleine Tafel, um die Detonationen zu zählen. Marineingenieur Schröder sah nervös auf den Tiefenmesser. Die Nadel war immer noch auf 50 m, zitterte aber leicht in beide Richtungen. Die Werftgarantie hatten wir damit erreicht, weiter runter ging es nur auf eigene Gefahr. Etwa 10 Meter hatten wir noch Luft nach unten, danach war der Verlust des Bootes sehr wahrscheinlich. Mir war das bekannt, ebenso Schröder. Ob das bei Schulte ebenso war, wußte ich nicht. Bei den Deckoffizieren, die ja bereits erfahrene U-Bootfahrer waren, nahm ich es einfach an. Obwohl es effektive Wasserbomben ja noch nicht so lange gab, nahm ich ebenso an, daß Bremer und Marek bereits den einen oder anderen Wasserbombenangriff mitgemacht hatten. Ich hatte mit Brinkmann im Mittelmeer drei solcher Angriffe durchlebt, aber trotzdem war es eine Erfahrung, die man gerne missen wollte und die jedesmal die gesamte Beherrschung kostete, egal wie oft man das schon mitgemacht hatte ! Innerlich konnte ich nur hoffen, daß die Deckoffiziere und Unteroffiziere ihre Männer im Griff hatten... Nicht auszudenken, was passierte, wenn jetzt einer durchdrehte !

    Aber zumindest in der Zentrale war die Haltung der Männer vorbildlich. Hausmann war weiß wie eine frisch gekalkte Wand, blieb aber auf seinem Posten und ging weiter seinen Aufgaben nach. Schröder war ebenfalls etwas blaß um die Nase. In seinen Augen waren Nervosität und wohl auch ein Maß an unterdrückter Panik zu erkennen. Schulte lief der Schweiß übers Gesicht und er mahlte unruhig mit den Kiefern, blieb aber sonst äußerlich ruhig. Es wäre bestimmt beruhigend für die Leute, wenn sie wüßten, daß mir genauso mulmig zumute war wie ihnen, aber das durfte ich nunmal nicht zeigen ! Brinkmann hatte damals gesagt, ein guter Kommandant inspiriere seine Männer durch sein Vorbild. Egal wie die Lage war, egal wie er sich selber fühlte, für die Männer hatte er Selbstbewußtsein und Ruhe auszustrahlen, als wäre er völlig selbstverständlich immer und überall Herr der Lage. Leichter gesagt als getan, aber ich konnte mir vorstellen, was eine Nachlässigkeit in dieser Situation auslösen konnte... Also zwang ich mich, so ruhig es eben ging auf die Uhr zu sehen, während die verdammten Detonationen wieder näher kamen. Meine Stimme war ruhig und kontrolliert, das war gut. Ein Zittern wäre jetzt das letzte gewesen, was ich gebraucht hätte !

    "Rudergänger, Kurs 225, 2/3 Geschwindigkeit."

    Langsam wanderte der Zerstörer aus und wir gewannen Distanz. Ich ließ trotzdem noch einmal zacken und nach etwa 3 Stunden auf Sehrohrtiefe gehen. Schröder wirkte mehr als erleichtert, als ich das Sehrohr ausfuhr und wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß aus dem Gesicht. Der Effekt war unheimlich. So jung Schröder sonst wirkte, in diesem Moment war klar erkennbar, daß er eigentlich mein Alter hatte. Ich suchte die Oberfläche angestrengt nach Bewegungen ab, konnte aber nichts feststellen. Also tauchte UC-83 vorsichtig auf und wir lüfteten das Boot, während die erste Seewache aufzog. In der Deckung der Dunkelheit sollten wir in der Lage sein, weiter zum Zielgebiet fahren zu können. Die See war nicht spiegelglatt, aber nicht zu unruhig um aufgetaucht zu fahren. Die Diesel brachten uns wieder auf Marschfahrt und bald waren wir wieder auf dem Weg nach Cotentin.

    ich schlief in der Nacht gut, so daß es mich etwas verwunderte, als Oberleutnant Schulte am nächsten Morgen beim Frühstück erwähnte, in der Nacht einen englischen Frachter versenkt zu haben, womit unsere bisherige Feindfahrttonnage bei etwa 26.000 Tonnen läge. Dafür hatten wir aber auch nur noch 52 Artilleriegranaten an Bord. Zusammen mit den verbliebenen sieben Torpedos war das an sich nicht schlecht, aber wir würden haushalten müssen. Um die Mittagszeit erreichten wir das Zielgebiet und kreuzten zunächst an der französischen Küste entlang, bevor wir das Suchmuster auf die küstenferneren Gewässer ausdehnten. Mit der Spitze des Cotentin würden wir aufpassen müssen, da wir dort bereits mehrere Male Minen verlegt hatten und andere Boote evtl. auch. Als gegen 16 Uhr 10 der erste Kontakt in Sicht kam, saß ich gerade mit Obersteuermann Marek zusammen und rechnete noch einmal den Betriebsstoffvorrat durch und besprach die weiteren Kurspläne. Gehring meldete einen Tanker in Peilung 314, genau zwischen uns und der englischen Küste. Entferung etwa 98 hm, 8 Knoten Geschwindigkeit. Die Nationalität war auf diese Entfernung nicht festzustellen. Marek berechnete einen Abfangkurs und die Diesel beschleunigten das Boot von 9 auf 11 1/2 Knoten.

    'Zerstörer achteraus, Herr Oberleutnant ! Peilung 64. Entfernung etwa 120 hm, auswandernd.'

    Verdammt, ausgerechnet jetzt ! Wenn der Zerstörer uns sichtete, würde es kritisch werden, denn gegen seine 36 Knoten konnten wir nicht viel machen. Andererseits würden wir ihn bald aus der Sicht verlieren, denn im Moment machte er vielleicht 7 oder 8 Knoten, also ebenfalls Marschgeschwindigkeit. Andererserits würde sicherheitshalber abzutauchen auch bedeuten, daß wir mit dem Tanker nicht würden Schritt halten können, denn unter Wasser machten wir höchstens 7 Knoten. Wenn der Tanker auch noch FT hatte, würde es möglicherweise richtig häßlich werden ! Was tun ? Brinkmann hatte mir beigebracht, meinen Instinkten zu folgen, und meine Instinkte waren in diesem Fall klar bei meinem Vater, der in dieser Situation gar nicht lang gefackelt hätte, wie es sein Selbstverständnis als Kavallerist forderte. Kavallerie verpißt sich nicht, hätte er gesagt (natürlich nur in geschlossener Runde, wenn keine Frauen anwesend waren, in Gegenwart von Damen hätte er sich so nicht ausgedrückt), Kavallerie greift an !

    Also würde ich es genauso halten. Interessanterweise waren die Einsatztaktiken von Unterseebooten und leichter Kavallerie doch nicht so verschieden, wie man mitunter denken mochte ! Der Erfolg gab uns recht: Der Zerstörer verschwand recht bald wieder hinter der Kimm, aber ich würde mich hüten, ihn deshalb zu vergessen ! Aus dem Auge, aus dem Sinn galt hier draußen nunmal nicht. Schon waren wir dicht genug, um die Flagge des Tankers zumindest erahnen zu können. Ein Amerikaner ! Wir setzten uns vor den Tanker und ließen ihn getaucht mitten in das Fadenkreuz laufen. Der Torpedo zerriß den Tanker und ließ ihn schnell in den Fluten verschwinden. Erneut gab es keine Zeichen von Überlebenden... Das Feuer und die Rauchfahne waren weithin zu sehen, so liefen wir schnell ab. Keine sieben Minuten später sichtete die Seewache einen Handelskreuzer, der mit einer beachtlichen Bugwelle durch die Wellen schnitt und mit mindestens 30 Knoten auf die Versenkungsstelle zuhielt. Ob sie uns schon gesehen hatten ?

    "Alles in den Keller ! Sehrohrtiefe !"

    Die Entfernung schrumpfte schnell. marek manövrierte das Boot auf eine Anfangposition. Solange der Kreuzer nicht den Kurs änderte, würde er direkt in die Falle laufen. Auf 35 hm ließ ich den Torpedo abfeuern, der seinem Ziel mit 31 kn entgegenschoß. Eigentlich mochte ich Torpedoschüsse aus diesen Entfernungen nicht, aber hier mußte es eben sein. Viel dichter wollte ich den Handelskreuzer nicht bei mir haben, die Gefahr, daß unser Sehrohr gesichtet wurde, war mir zu groß !

    Drei Minuten waren um, eine hatte der Torpedo noch zu laufen. Würde die Besatzung drüben uns entdecken ? Oder den Kurs ändern ? Oder würde der Torpedo treffen und zünden wie geplant und den Kreuzer zerstören ?

    Noch 30 Sekunden.
    Noch 25...
    20...
    10...

  2. #62
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    Das ist ja der reinste Cliffhanger...!! Ausgerechnet, wenn man einen Treffer erwartet, endet die Story... Wir hoffen auf eine erfolgreiche Versenkung des Handelskreuzers...!!

    herzliche grüsse

    Hohenlohe, der Mitfiebernde... *GUTE JAGD!!*
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  3. #63
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    Ein kurzer Seitenblick zu Schulte, der fünf Finger hochhielt.
    Dann vier.
    Dann nur noch drei...
    Ich sah wieder durch das Periskop und zählte für mich die letzten Sekunden herunter. Einundzwanzig... Zweiundzwanzig...

    Die Mitte des Kreuzers wurde förmlich aus dem Wasser herausgehoben und verschwand in der Wassersäule bevor der Schiffskörper wieder ins Wasser zurücksank und das Schiff langsam in zwei Teilen zu sinken begann. Offenbar hatten wir ihm den Kiel gebrochen ! Kleinere Detonationen im Schiffsinneren begleiteten die langsam einsetzenden Sinkgeräusche Während wir abliefen sah ich ein paar Boote von der Bootswand abfieren und Kurs in Richtung Küste setzen. Wenigstens etwas ! An der britischen Küste wurde es allerdings allmählich zu heiß, daher schlichen wir wieder zurück in Richtung Frankreich, wo es hoffentlich etwas ruhiger zuging, was die Bewachung anging und die Handelsrouten trotz der Angriffe weiterhin belebt blieben. Obwohl uns am 13.9. noch ein Tanker und ein weiterer Handelskreuzer über den Weg liefen, waren diese entweder zu schnell oder zu weit weg. Trotzdem hatten wir auf den Schiffahrtsrouten in 4 Tagen bereits sieben Schiffe mit ungefähr 42.000 Tonnen versenkt, was an sich ja bereits eine beachtliche Leistung war. Von Rahden würde bestimmt entzückt sein, auch wenn er im Moment meine geringste Sorge war. Immerhin mußten wir erstmal heil wieder zurück und nach den bisher sehr reibungslos abgelaufenen Patrouillen war die erste Wasserbombenattacke ein guter Grund die bisherige Glückssträhne zu überdenken. Kurz kam mir der Gedanke, daß wir vielleicht jetzt unser Glück aufgebraucht hatten, von dem wir die ersten Feindfahrten gezehrt hatten, und es von jetzt ab etwas härter und gefährlicher werden würde. Diesen Gedanken schob ich schnell wieder beiseite. Besser, nicht an sowas zu denken !

    Schröder meldete die Schäden des Wasserbombenangriffs als ich gerade auf der Brücke rauchte.
    'Alles in allem hat der Angriff das Boot zwar ziemlich umhergeworfen, aber die wirklichen Schäden sind minimal. Ein paar Rohre und Anzeigen haben was abbekommen und einer meiner Männer ist leicht verletzt, aber der Druckkörper ist, soweit ich das sagen kann, vollständig intakt und die See- und Tauchklarheit des Bootes ist nicht beeinträchtigt. Zwei Batteriezellen sind aus den Fassungen gerissen, aber das kriegen wir mit Bordmitteln wieder hin. Alles andere... Ich bin nicht sicher ob das schon von den Wasserbomben oder noch von der Tauchtiefe gekommen ist. In jedem Fall war das eine äußerst knappe Kiste vorhin.' Ich nickte.

    "Sehr gut, vielen Dank, Herr Schröder ! Ich wollte ihnen außerdem noch meine Anerkennung für ihre Haltung unter Feuer und ihre bisherigen Leistungen aussprechen. Machen sie weiter so !"

    'Danke, Herr Oberleutnant.' Der Ingenieur salutierte und verschwand kurz darauf wieder in den Tiefen des Bootes. Ich war nicht sicher, wie er mein Lob aufgenommen hatte.

    Um 15 Uhr 30 rauschte das Boot wieder in die Tiefe, um der Entdeckung durch einen amerikanischen Zerstörer zu entgehen, der im Kanal patrouillierte. Da er näher herangekommen war, entschloß ich mich, ihn anzugreifen. Bei den Briten mochte das riskant sein, aber die hatten schon einiges an Übung und Erfahrung. Bei den Amerikanern rechnete ich mir aus, daß sie etwas grüner sein mußten und deshalb nicht so gute Reaktionen besaßen. Sieben Minuten später lief der erste Torpedo auf den Zerstörer zu. Ich verfolgte den Kurs des Schiffes und sah, wie sich das Schiff langsam aus der Schußbahn zu drehen begann. Langsamer... langsamer...

    'Laufzeit ist um, Herr Oberleutnant !'

    Vorbei ! Es kam, wie ich befürchtet hatte, wir mußten näher ran... Fünf Minuten später waren es nur noch 25 hm, und ich befahl, den zweiten Torpedo auszulösen, der dem Zerstörer drei Minuten danach zum Verhängnis wurde. Auch hier kochte die Explosion die Wasserbomben am Heck und die Munition und den Betriebsstoff im Innern des Schiffes ab. Keins von den armen Schweinen da drin war noch herausgekommen. Da uns langsam die Munition auszugehen begann, ordnete ich den Rückmarsch in Richtung Kanalsperre an. In den folgenden zwei Tagen vernichteten wir ein Kohlenschiff mit Kurs auf Southampton und einen bewaffneten Trawler, der den Fehler machte, uns des Nachts zu begegnen.

    Am 18. September um 8 Uhr 25 tauchten wir auf der 'richtigen' Seite der Kanalsperre wieder auf und nahmen Kurs auf Helgoland, der holländischen Küste folgend. Einen Frachter, der uns noch begegnete mußten wir laufen lassen, da er uns bald entdeckte und mit Höchstgeschwindigkeit floh, ansonsten verlief der Tag mitsamt der folgenden Nacht ereignislos. Um kurz vor 5 Uhr morgens wurde ich von einem agitierten Oberleutnant Schulte geweckt. Ein Kontakt also. Als ich das Glas auf den Umriß richtete, wurde mir schlagartig klar, was Schulte so empört hatte. Ein Blick auf die Karte verschaffte mir Gewißheit.

    Ich sah einer Berberis-Sloop bei ihrer Patrouille auf der Höhe von Borkum zu, keine sechs Stunden von Helgoland entfernt !

    Waren die meisten der Entscheidungen auf dieser Feindfahrt noch mit einem Minimum an Gedanken getroffen worden, war hier der Entschluß von vornherein klar:

    "So eine Frechheit ! Maschinen äußerste Kraft voraus, die werden wir Mores lehren ! Haben wir einen Abfangkurs, Herr Marek ?"

    Zum Glück war der Kreuzer nur mit 4 Knoten unterwegs, sodaß wir getaucht operierten, aber trotzdem dauerte es eine halbe Stunde, die Sloop soweit zurechtzulegen, daß der Torpedo gute Trefferchancen besaß. Kurz darauf endete die Patrouille des Engländers in einer Detonation. Ich beobachtete das Treiben eine Weile und hätte den Hut gezogen, wenn ich einen dabei gehabt hätte. Die Seelords wollten doch tatsächlich in ihren Rettungsbooten in Richtung England steuern, zumindest sah es so aus ! Aber damit hatten wir nichts mehr zu schaffen. Mir blieb nur, ihnen im Stillen viel Glück zu wünschen und den Heimatkurs wieder anlegen zu lassen. Um 11 Uhr 15, etwas über 9 Tage, nachdem wir ausgelaufen waren, kehrte UC-83 an die Mole zurück. Von den anderen Booten war nichts zu sehen, vermutlich waren sie also noch draußen. Auch die Besatzung des Schnellbootes konnte, was das anging, keine Auskünfte geben. Ein Empfangskomittee gab es dieses Mal nicht. Ob das mit dem Sonder-FT zusammenhing, das ich geschickt hatte ? Möglich, das mochte von Rahden eine Weile beschäftigen. So übergaben wir das Boot und harrten der Dinge, die da kommen würden. Besonders ich tat das, hatte ich doch ein paar Dinge angestoßen, von denen ich hoffte, daß man sie bewilligen würde...

  4. #64
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    Wir gratulieren zu der letztendlich äusserst erfolgreichen Feindfahrt und sind gespannt was an Lob auf euch zukommt...!!

    herzliche grüsse

    Hohenlohe... *GUTE JAGD UND VIELE ERFOLGE!!*
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  5. #65
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    Werter DerGraf,

    habt vielen Dank für Euren hervorragenden AAR! Unsere Stimme für den AAR des Monats habt Ihr auf jeden Fall!
    Vous voulez le beurre et l'argent du beurre!

  6. #66
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    Sonntag, 23. September 1917



    Korvettenkapitän von Rahden hatte die im Raum stehende Drohung wahrgemacht und so fanden wir uns am Sonntag im besten Anzug auf dem Exerzierplatz der Matrosendivision wieder. Diese war ebenso angetreten wie die Torpedobootmänner, die Marineflieger und die Besatzungen der anderen Boote, sofern sie in der Zwischenzeit zurückgekommen waren. Ähnlich wie ich und Oberleutnant Schulte standen auch Oberleutnant Hansen und Oberleutnant von Müller mit ihren Wachoffizieren und knapp dahinter den Ingenieuroffizieren vor ihren Mannschaften. Sogar eine Militärkapelle hatte jemand aufgetrieben ! Soweit ich gehört hatte, waren die anderen Boote auch soweit erfolgreich gewesen. Nur Jaedicke war nach fast zwei Wochen immer noch draußen. Aber viel mehr als ihm viel Glück zu wünschen konnten wir nicht tun ! Aber statt uns darum Gedanken machen zu können, waren wir jetzt hier versammelt um an diesem dienstlichen Beisammensein geselliger Art (oder war es andersrum ?) teilzunehmen. Wahrscheinlich würde es heute einiges an Auszeichnungen und Belobigungen geben, das war leicht abzulesen, auch wenn der Aufwand auch für von Rahden ein bißchen groß war. Zumindest dachte ich das, bis ich die kleine Gruppe von Offizieren sah, die den Platz betrat. Einige der Offiziere kannte ich tatsächlich nicht, auch wenn ich Grau und von Rahden ausmachen konnte, waren sie doch nicht an der Spitze der Entourage. Das hatten sie einem älteren Herren überlassen, von dem ich zwar so schon durch Publikationen gehört hatte, aber dem ich bisher nicht persönlich begegnet war. Was ich aus der Entfernung ausmachen konnte, bestätigte meinen Verdacht: Geflochtene Schulterstücke mit Stern, breite Tresse und zwei mittelbreite Ärmelstreifen... Auf Helgoland gab es nur einen Mann dieses Ranges. Es handelte sich also zweifelsfrei um unseren Inselkommandanten, Vizeadmiral Leo Jacobson. Aus irgendeinem Grund machte mich die Anwesenheit dieses Mannes nervös. Ich hatte nichts gegen Admirale, aber ich hatte auch bisher eigentlich nie mit einem zu tun gehabt. Der Vizeadmiral wirkte jedenfalls wie einer der alten Schule, also war bestes Verhalten und hohe Disziplin ratsam ! In der Entourage entdeckte ich einen weiteren Offizier, der nicht wegen seines Aussehens meine Aufmerksamkeit erregte, sondern weil er eine Photokamera trug. Was war hier los ?

    Nach dem obligatorischen militärischen Protokoll kam der eigentliche Grund für diese Versammlung zur Sprache. Wie ich es mir gedacht hatte, ging es vor allem um Auszeichnungen und Belobigungen. Nun, besser als schmissige Reden oder als Selbstzweck, um Neuzugänge zu beeindrucken ! Der Ablauf war schnell zu erkennen. Grau trug die Auszeichnungen, von Rahden reichte sie an den Vizeadmiral weiter, der sie den Männern verlieh. Oberleutnant Hansen bekam das EK I verliehen, ebenso Oberleutnant Ruschdahl. Dann näherte sich die Kavalkade unserer Formation. Als mein Name fiel, trat ich drei Schritte vor und meldete dem Admiral.

    "Oberleutnant zur See Graf von Eskens-Kalpenbach, Sie haben in den vergangenen Feindfahrten ihre Tapferkeit sowie die Bereitschaft zum Dienst weit über die Pflichterfüllung hinaus stetig unter Beweis gestellt ! Dafür und für ihre herausragenden Leistungen, die sie mit der Versenkung von 230.000 Tonnen feindlichen Schiffraumes eindrucksvoll bewiesen haben, zeichne ich Sie heute stellvertretend für Seine Majestät Wilhelm II., von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser in seiner Funktion als Großadmiral und Chef der Deutschen Marine, mit dem Ritterkreuz des königlichen Hausorden von Hohenzollern mit Schwertern aus.'

    Ich verblieb in meiner Habacht-Stellung, während der besagte Orden dem Vizeadmiral vom Korvettenkapitän gereicht wurde und dieser ihn mir ansteckte. Dann wiederholte sich die Prozedur noch einmal.

    'Ebenso hat die Freie und Hansestadt Hamburg beschlossen, ihnen aufgrund ihrer bisherigen Leistungen das Hanseatenkreuz der Stadt zu verleihen.'

    Er reichte mir die Hand. ich schlug ein.

    'Die Kaiserliche Marine und ihr Land sind stolz auf sie, Oberleutnant ! Machen sie weiter so, das Reich braucht Männer wie sie. Helden und Vorbilder für die nächsten Generationen von Marineangehörigen !'

    "Vielen Dank, Exzellenz ! Ich werde das in mich gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen !"

    Der Vizeadmiral nickte und der junge Offizier machte einige Photographien, dann war ich entlassen und konnte wieder an meinen Platz in der Formation zurücktreten. Das war nicht wirklich die schlagfertigste Antwort gewesen, zugegeben, aber wie oft hat man es mit einem Admiral zu tun, der nicht nur vor einem steht, sondern auch noch das Wort an einen richtet ? Ich war etwas eingeschüchtert gewesen. Im Anschluß ärgerte ich mich natürlich über mein unnötiges Gefloskel. Nach mir wurden noch die Mitglieder der Mannschaft bedacht, die ich von Rahden zusammen mit den Beurteilungen vorgeschlagen hatte. Das Eiserne Kreuz 1. Klasse wurde an Oberleutnant Schulte, Obermaschinist Bremer und Obersteuermann Marek verliehen. Mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse wurden ausgezeichnet: Oberbootsmannsmaat Braun, die Matrosen Gehring, Hausmann und Vogel sowie der Marineingenieur Schröder, dem gleichzeitig noch eine bevorzugte Beförderung zum Marineoberingenieur zuteil wurde. Einige weitere Auszeichnungen und Beförderungen bekamen auch die Marineflieger. Am Ende gibt es eine kurze Rede, dann wird ein dreifaches 'Hurra' auf die Helden des Tages ausgebracht und schließlich verschwinden die verschiedenen Gruppen wieder in ihren Reichen, als die Veranstaltung aufgelöst wurde.

    Im Offiziersheim gab es danach noch eine kleine Feier, bei der die neuen Inhaber der verschiedenen Auszeichnungen sich noch eine Weile angeregt über den Vizeadmiral und die generelle Lage unterhalten. Was das angeht waren eben auch Offiziere nicht viel besser als Klatschweiber, zumindest unter sich. Auch ich wurde einen guten Teil meines Einkommens an diesem Tag los, weniger wegen der Anzahl der Orden, die ich bekommen hatte als vielmehr weil so ein 'Leutnants-Pour-le-Merite' nicht alle Tage verliehen wurde und als etwas ganz besonderes natürlich auch entsprechend gewürdigt werden mußte. So waren wir alle schon ganz gut in Fahrt. Auch der Photograph von vorhin war erschienen. Larsen, so der Name des Leutnants zur See, war Kriegsberichterstatter. Noch nicht so oft bei der Truppe, hatte er aber angeblich bereits einiges an Eskapaden durch. Schenkte man seinen bierseligen Worten Glauben, war er eigentlich schon mit fast allem, was die Marine so zu bieten hatte unterwegs gewesen. Große Einheiten, kleine Einheiten, kleinste Einheiten... Marineflieger, Zeppeline.

    "Auch Unterseeboote, Herr Larsen ?" Wollte ich wissen. Er grinste wie ein Kind, das ganz allein in der Spielzeugabteilung eines großen Kaufhauses stand. 'Die fehlen mir tatsächlich noch in meiner Sammlung, hö-hö-hicks ! Wissen sie ein gutes Boot, Herr Oberleutnant ? Darf aber nicht zu stark schlingern oder krängen, ich werde doch so schnell seekrank !' Er lachte, aber ich war nicht sicher, wie ernst ich diesen Kommentar zu nehmen hatte. Da hakte allerdings schon Oberleutnant Ruschdahl von irgendwo hinter mir ein. 'Da reden sie genau mit dem Richtigen ! Wenn einer hier ein glückhaftes Boot hat, dann ist das der Oberleutnant hier !' Er schlug mir unerwartet hart auf die Schulter, während ich noch versuchte zu ergründen, wie er das über den halben Raum überhaupt mitbekommen hatte...
    'Wenn sie was erleben wollen, fahren sie mit ihm.' Larsen stellte das Bier ab und nahm auf seinem Stuhl so etwas wie Haltung an, beziehungsweise, was ihm die Umstände in diese Richtung erlaubten. 'Herr Oberleutnant... Bitte um Erlaubnis sie bei Gelegenheit mal auf Feindfahrt begleiten zu dürfen !' Ich sah mich kurz hilfesuchend um. Schulte saß an einem der Tische an der anderen Seite des Raumes, wo er mit Oberleutnant von Müller, Oberleutnant von Wiedau (dem Wachoffizier von Hansens Boot) und zwei Marinefliegern irgendetwas lebhaft diskutierte. Von ihm war keine Hilfe zu erwarten ! Schröder war nicht mehr da, wie üblich, und so mußte ich allein mit Larsen fertigwerden...

    Die Tür flog auf. Ein Leutnant stürzte herein. Ich glaubte, ihn schonmal an Bord eines der Divisionstorpedoboote gesehen zu haben, aber ich mochte mich täuschen. Er rief etwas, aber ich verstand es nicht. Eine Gruppe Offiziere bildete sich um ihn. Oberleutnant von Müller übertönte schließlich alles im Saal.

    'JAEDICKE LÄUFT JEDEN MOMENT EIN !'

    Das gab ein großes Hallo und so machten sich einige Offiziere, darunter auch Larsen und ich, auf den Weg zur Mole, um den Kapitänleutnant willkommenzuheißen. Einer, ich wußte nicht genau wer, nahm eine bislang aus welchen Gründen auch immer von der durstigen Meute verschonte Flasche Sekt mit, nur für alle Fälle ! Gutgelaunt, aber noch erstaunlich diszipliniert zogen wir unseres Weges, vorbei an Quartieren und Lagern. An der Mole angekommen, zeichnete sich schon bald der Umriß des Eskorttorpedobootes ab, daß allerdings mit dem Boot dicht hinter sich erstaunlich wenig Fahrt machte. Als das seltsame Gespann näherkam, wurde klar, warum... Das Torpedoboot zog das unangenehm tief im Wasser liegende Unterseeboot hinter sich her. Das Periskop fehlte, der Turm war auf der Steuerbordseite eingedrückt und die Hälfte des Schanzkleides war abgerissen, ein Loch auf dem Vorderdeck zeugte von der ehemaligen Position des Deckgeschützes. Jetzt war auf dem Rest des Turmes auch eine Gestalt zu erkennen, deren weiße Kopfbedeckung sich als Verband entpuppte.

    'AUS DEM WEG ! WEG DA, SAGE ICH !'

    Eine Gruppe Männer, Sanitäter wohl, drängelten sich grob an uns vorbei und begannen, zusammen mit den Männern des Torpedobootes beim Ausladen zu helfen. Stück für Stück holten sie die Männer aus dem Boot, während wir nichts tun konnten, als fassungslos danebenzustehen. Jaedicke wurde auf einer Trage eilig vorbeigetragen. Bewußtlos, sein Gesicht eingefallen und beinahe kalkweiß, aber er schien zu atmen, wenn auch nur flach. Die nächste Trage, ein Mann mit bandagierten Gesicht und Oberkörper, er stöhnte nur leise vor sich hin. Danach ein Matrose von vielleicht 19 Jahren, er schien in einem Dämmerzustand zu sein und sah mit glasigen Augen direkt durch uns hindurch. Was auch immer da draußen geschehen war, es hatte dem Jungen beide Arme abgerissen. Zwei weitere hatten anscheinend schwere Verbrennungen. Danach brauchte man sieben Mann an, die nie wieder Hilfe brauchen würden, allen voran den Wachoffizier. Auch hier gab es grauenhafte Wunden und Verbrennungen. Hinter mir übergab sich jemand, aber ich wollte nicht wissen, wer. Auch ich spürte angesichts des Gemetzels ein Würgen im Hals. Die Gehfähigen waren teilweise ebenfalls verwundet. Den Schluß bildete der Mann vom Turm. Trotz des weißen Kopfverbandes, der auch das linke Auge bedeckte, erkannte ich Petermann, den Ingenieuroffizier. Er wankte auf uns zu. Auch sein Blick wirkte glasig, klärte sich aber kurz, als er einige von uns erkannte. Er steuerte direkt auf Oberleutnant Hansen zu und entwand ihm mit einer plötzlichen Bewegung die Sektflasche, der er umgehend den Hals brach. Den Inhalt stürzte er herunter wie ein Verdurstender. Dann warf er die Flasche weg und sackte gegen die Kaimauer. Beschämt schlichen wir fort, wie Schuljungen, die bei einem dummen Streich erwischt worden waren. Petermann blieb zurück. Ich glaubte, ihn leise schluchzen zu hören.

    Nach Feiern war keinem einzigen von uns mehr zumute.

  7. #67
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    Werter Graf, ihr versteht es wirklich eine Geschichte zu erzählen. Erst eine Reihe wohlverdienter Auszeichnungen und dann der Schock eines demolierten Bootes ansichtig zu werden. D.h. die Tommies sind vermehrt auf der Hut.
    Wir haben noch bei unseren Eltern ein Buch im Regal stehen über den U-Boot-Krieg im ersten Weltkrieg. Damals setzten die Tommies sogenannte Q-Schiffe ein, sprich: schwerbewaffnete umgebaute Frachtschiffe, die als U-Bootfallen dienten. Dadurch waren Überwasserangriffe von U-Booten sehr gefährlich. Es scheint so, als wäre der gute Jaedicke einem solchen Boot in die Hände gefallen.
    So etwas wünschen wir dem Grafen natürlich nicht.

    herzliche grüsse

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  8. #68
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    Zwei Wochen später waren die Nachwirkungen immer noch zu spüren gewesen und die eintreffenden Nachrichten hatten es nicht wirklich besser gemacht. Zwei weitere Männer von Jaedickes Besatzung waren in der Zwischenzeit noch gestorben. Einer hatte eine Infektion bekommen und war dieser nach längerem Siechtum erlegen, der Mann ohne Arme war recht gut genesen, hatte sich dann aber, als die Wachsamkeit der Lazarettangehörigen nachließ, umgebracht. Petermann ging es inzwischen besser, aber mit den Nerven herunter war er immer noch. Die Ärzte hatten ihn vorerst als 'Garnisonsverwendungsfähig - Feld' eingestuft, und so hatte Korvettenkapitän von Rahden ihn erst einmal in der Werftdivision untergebracht, wo sein Fachwissen bei der Instandsetzung und -haltung der verbliebenen Boote zum Einsatz kommen konnte. Was sonst von der Mannschaft übrig war und nicht mehr im Lazarett lag, hatte leichten Dienst bekommen, bis sich klärte, was mit den Männern passieren würde. Kapitänleutnant Jaedicke hatte seine Verletzungen überlebt und war auf dem Weg der Besserung. Die Nachricht, daß er seinen linken Arm verloren hatte, hatte er gefaßt aufgenommen. Vermutlich würde er entlassen werden oder einen Posten an Land bekommen, vielleicht in der Militärjustiz oder auf irgendeiner Schreibstube ? Für ihn war der Seekrieg jedenfalls vorbei, wenn nichts unvorhergesehenes mehr geschah.

    Auch unsere Laune war gedrückt. Nach den bisherigen erfolgreichen Feindfahrten hatten wir uns ziemlich sicher mit unseren Fachkenntnissen und Fähigkeiten gefühlt, aber das hatte nun einen herben Dämpfer erfahren. Vermutlich würde man ein Reserveboot heranziehen, ihm die Nummer des alten Bootes geben und die Mannschaft wieder auffüllen und mit einem neuen Kommandanten wieder rausjagen. An sich war das ja nur eine Frage der Zeit, immerhin wurde jedes Boot draußen gebraucht, aber die Seeoffiziere hofften, daß dies nicht der Anfang von etwas größerem war. Ein schlechtes Omen sozusagen ! Vor allem da sich der nächste Auslauftermin wieder näherte. Diesmal würden die Schwesterboote wieder getrennt auslaufen, und auch die anderen Boote der Flotille waren wieder bereit für den Einsatz. Am 26. Oktober sollte es wieder rausgehen. Diesmal mit einem Spezialauftrag !

    Laut Korvettenkapitän von Rahden wurde in Schottland ein Konvoi zusammengestellt, der der Waffen und Nachschubgüter nach Murmansk bringen sollte, um die russische Armee in ihrem Abwehrkampf zu unterstützen. Durch die Aktivitäten unserer Boote um England herum war aber davon auszugehen, daß nur wenige Begleitfahrzeuge verfügbar sein würden, wenn überhaupt. Diesen Konvoi, der überwiegend aus Frachtern und Tankern bestand, sollten wir um jeden Preis aufspüren, angreifen und, sofern möglich, vernichten ! Erst dann war unser Sekundärziel, die Durchfahrt zwischen Greater Yarmouth und den Norfolk Banks zu verminen und mit etwaigen noch übrigen Torpedos so viele Handelsschiffe wie möglich zu versenken. An sich also unkompliziert, sollte man denken, nicht ?

    Am Freitag den 26. Oktober liefen wir aus. Hansen war schon vor zwei Tagen rausgefahren, von Müller sollte dann morgen auslaufen. Wir wünschten uns viel Glück und UC-83 verließ hinter dem Torpedoboot den Hafen. Ich hoffte, daß wir mehr Glück haben würden als Jaedicke auf seiner nicht nur im zeitlichen Hinblick letzten Fahrt ! Ich befahl volle Leistung aus den Dieseln zu holen, denn es galt, möglichst schnell an der Minensperre vorbeizukommen. Sie würde uns verlangsamen und dem Konvoi einen Vorsprung verschaffen, was vermieden werden mußte. Um 17 Uhr kam das erste FT.

    0.8 W 56.8 N Kurs 62

    Marek koppelte mit, während wir um die Karte standen. Er schob sich die Mütze in den Nacken und kratzte sich nachdenklich am Kinn, während er ein Kreuz in die Karte machte. Durch ihren Heimathafen in Schottland hatten die Briten natürlich einen gehörigen Vorteil ! Trotzdem mußten wir es versuchen und knüppelten mit allem, was das Boot aufzubieten hatte in Richtung Nordsperre. Um 22 Uhr 51 kam eine weitere Positionsmeldung und schließlich am 27. um 3 Uhr die dritte. Marek rief die Offiziere zusammen und präsetierte seine Berechnungen.

    'Das Geleit befindet sich zur Zeit auf 1.0 O, 58.8 N mit Kurs 25.' Er markierte die Position auf der Karte und daneben unsere Position. 'Sie sind also bereits im Minenfeld und machen gut Fahrt. Im Moment sind sie damit etwa 187 Seemeilen entfernt und haben bei der momentanen Geschwindigkeit 17 Stunden Vorsprung.' Ich nickte. Das konnte nur ein bedeuten: Wir mußten dranbleiben ! Die Orkney-Lücke war zu weit entfernt, wenn wir sie benutzten, würden wir das Geleit verlieren, Fühlungshalter hin oder her ! Es gab nur eine Lösung, so wenig sie mir gefiel.

    "Wenn wir das Geleit einholen wollen, müssen wir direkt durch das Minenfeld. Aufgetaucht. Mit voller Geschwindigkeit. Anders geht es nicht, meine Herren ! Es wird ein äußerst riskanter Durchbruch, aber es ist unsere einzige Möglichkeit. Denken sie, das Boot wird es schaffen ?" Ich blickte von einem Offizier zum anderen.

    Schröder wischte sich fahrig über den Mund. Was er gerade gehört hatte, gefiel ihm nicht. Ebensowenig dem Obermaschinisten. Beide tauschten kurze, bedeutungsschwangere Blicke aus. 'Technisch machbar, Herr Oberleutnant, aber es würde außergewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen erfordern, um nicht blind auf eine Mine zu laufen.' Schulte nickte und fuhr fort. 'Doppelte Brückenposten, die besten Schützen mit Gewehren, Ich würde mich sogar dazu versteigen, das Fla-MG bemannen zu lassen. Bei fast 12 Knoten ist eine Mine schwer abzuschießen, zur Not müssen wir einfach die gesamte Wasseroberfläche abstreuen, um den Weg so nötig zu ebnen. 3000 Schuß Munition haben wir ja an Bord. Das wird uns zu einem Ziel für etwaige Patrouillenkräfte machen und unsere Fliegerabwehr schwächen, aber es wäre ein gangbarer Weg.' Die zugrundeliegende Überlegung war klar. Immerhin waren wir bislang noch keinen Fliegern begegnet, wenn die Glückssträhne anhielt, würde das so bleiben oder wir müßten etwas Munition zurückhalten...

    "Gut, 2 Kästen Munition bhalten wir für etwaige Fliegerangriffe zurück. Der Rest steht zur Disposition. Stellen sie alles bereit, sobald wir den Rand des Feldes erreichen, wir werden nicht stoppen oder verlangsamen. Meine Herren, auf ihre Positionen ! Hals- und Beinbruch !"

    Das Boot legte den neu berechneten Abfangkurs an und stampfte mit voller Kraft auf das Minenfeld zu. Oben machten sich die Männer bereit. Vogel und Gehring bezogen mit den Gewehren Position auf dem Vorderdeck. Ihre Sicherheitsleinen waren am Deckgeschütz festgemacht, sie hatten die wichtige Aufgabe, die Front des Bootes zu überwachen, die das MG nicht erreichen konnte, weil der Turm im Weg war. Bootsmannsmaat Braun hatte am MG Stellung bezogen. Hausmann und der Matrose Fleming waren seine Schützen II und III. Alle Schützen hatten den Befehl, selbstständig auf erkannte Minen zu feuern. Der Turm war vollgestopft mit Spähposten, und so blieb ich im Bootsinneren, wo ich mit Marek auf die nächste Fühlungsmeldung wartete. Ich war weiß Gott kein Mann, der jeden Tag in die Kirche ging, aber wenn das hier gutging, war ich mehr als bereit ein Votivbild oder ähnliches zu stiften ! Schließlich war ja auch bald Weihnachten, das ich eigentlich im Kreise der Familie feiern wollte, aber daran durfte man jetzt nicht denken !

    Nach einer Weile belferte draußen das Maschinengewehr. Kurze, kontrollierte Feuerstöße. Dann eine Detonation Steuerbord und das Krängen des Bootes. Nummer eins ! Die Gewehre schwiegen noch, das war gut. Sie waren mein Hauptproblem gewesen, da ich mich auf die Schützen voll verlassen mußte. Aber von dort kam nichts und die Minuten tropften zäh dahin wie Honig. Um 9:37 traf das nächste FT ein.

    '1.8 O, 59.9 N, Kurs 25, Herr Oberleutnant. Damit stehen sie mittig etwa auf der Höhe von Bergen zwischen Bergen und den Shetlands in den Ausläufern des Minenfeldes.' Wie zur Bestätigung nahm er mit dem Zirkel Maß. "Entfernung ?" wollte ich wissen.
    Er rechnete kurz. 'Etwa 147 Seemeilen, Herr Oberleutnant. Damit sind sie noch etwa 12 1/2 Stunden vor uns.' Also hatten wir über die Nacht 4 1/2 Stunden aufgeholt ! So konnte es weitergehen. 'Wenn alles gutgeht, sollten wir sie bei Narvik oder spätestens am Nordkap eingeholt haben.' Das war immer noch deutlich zu dicht an Murmansk für meinen Geschmack, aber was half es ? Man mußte die Feste feiern wie sie fielen und da ich wußte, wohin es ging, hatte ich Winterausrüstung bunkern lassen. Das Polarmeer war für vieles bekannt, aber nicht für seine Nachsichtigkeit mit Seefahrern. Wenigstens hatten wir mit der Jahreszeit Glück und mußten nicht in völliger Polarnacht herauf. Schulte war in einem ruhigen Moment nachdem wir das Minenfeld passiert hatten, an mich herangetreten.

    'Was halten Sie von einer Polartaufe für Teile der Mannschaft, Herr Oberleutnant ?' "Ich fürchte, das lassen die Umstände im Moment nicht zu, Herr Schulte ! Außerdem haben wir zu viele Frischlinge an Bord, es bliebe keiner mehr über, um den Ritus durchzuführen, oder etwa doch ?" 'So richtig, Herr Oberleutnant, also keine Veranstaltung dieser Art. Schade.' "Läßt sich nicht ändern. Beim nächsten Mal vielleicht !"

    Um 17 Uhr befand sich der Konvoi etwa auf der Höhe Bergens. Marek meldete 109 Seemeilen, das machte einen Vorsprung von 9 1/4 Stunden. Das Wetter wurde stürmischer und auch das Nordmeer wurde deutlich ungemütlicher, man merkte, daß es in Richtung Polarkreis ging. Ich hatte extra zusätzliche Heißgetränke bunkern lassen und hoffte, daß diese, zusammen mit einigen Wärmflaschen, ausreichen würden. Trotzdem sah ich mich gezwungen, die Seewache zu verkürzen, damit die Männer sich keine Erfrierungen holten. Aber auch in unserer Röhre war es nur dick eingepackt auszuhalten. Ich fragte mich, wann wir die ersten Eiszapfen zu sehen bekommen würden...

    Um 5 Minuten vor 11 Uhr abends kam das nächste FT. Anscheinend schlichen sie die norwegische Küste entlang. Sie hatten den Nordfjord passiert. Der Abstand betrug inzwischen nur noch 96 Seemeilen. Wir waren bis auf 8 Stunden heran ! ich leerte den Becher mit dem erschreckend schnell erkalteten Kaffee und rieb mir die kalten Finger. Das Deckgeschütz und das Schanzkleid waren bereits reich mit Eis dekoriert. Ich hoffte, die Torpedorohre würden es noch tun. Vor allen Dingen machte ich mir aber um das Turmluk Sorgen. Würden die Dichtungen dicht halten ? Würde es zufrieren, sollten wir zum Tauchen gezwungen werden ? Dinge um die man sich sonst keine Sorgen machen mußte !

    28. Oktober 4 Uhr 20 Minuten. Marek meldete das letzte FT. 88 Seemeilen. Nur noch 7 1/2 Stunden. Das Jagdfieber wuchs, auch wenn es nicht half, die Kälte aus den Knochen zu bekommen ! Schröder fluchte über die Maschinenanlage und die verdammte Kälte, konnte aber die Probleme, die die Temperaturen zu machen begannen, wohl noch mit Bordmitteln beheben. Die Jagd ging also weiter !

    Aber um 10 Uhr 39 hatte das Geleit wieder 14 km gutgemacht und sich auf 8 Stunden entfernt. Hatten wir sie schon im Minenfeld aufgeschreckt ? Oder wußten sie, daß sie verfolgt wurden ? Um 23 Uhr waren es wieder 9 Stunden Abstand, sie hatten weitere 12 km gewonnen und nahmen Fahrt auf. War das denn möglich ???

    29. Oktober, Mittagszeit. Das FT meldete den Geleitzug auf Höhe Narvik nahe des Polarkreises. 114 Seemeilen trennten uns. 9 3/4 Stunden. Marek warf Zirkel und Bleistift auf die Karte.
    'Es hat keinen Zweck, Herr Oberleutnant ! Wir kommen nicht mehr ran ! Wenn denen nicht bald noch ein paar Kessel hochgehen, wird es nichts mehr.' Ich blieb auf Kurs und wir drangen weiter in Richtung Polarmeer vor. Um 17 Uhr 36 war das Geleit jenseits des Polarkreises. Einerlei ! Ich konnte nicht aufgeben. Ich WOLLTE nicht aufgeben. Nicht jetzt ! Nicht hier !

    Am Nachmittag des 1. November hatte UC-83 das Nordkap erreicht und war somit in die Ausläufer der Barentssee vorgedrungen. Die letzte Fühlungsmeldung vom Vortag hatte bestätigt, was ich nicht hatte wahrhaben wollen: Das Geleit hatte Murmansk erreicht. 11 Stunden hatten uns zuletzt getrennt. Ich hatte gehofft, sie sozusagen auf der Zielgeraden einholen zu können, aber es hatte nicht geklappt ! So stieg ich wieder in die Zentrale herunter und kratzte mir das Eis aus dem Bart. Alles was wir jetzt noch tun konnten, war versuchen, sie im Hafen anzugreifen. Darauf angesprochen war Schröders Meinung klar.

    'Mit der richtigen Ausrüstung könnten wir wohl versuchen, an Murmansk heranzukommen, aber mit den Mitteln die wir haben ? Im Treibstoff flockt jetzt schon Paraffin aus, die Ersatz-Winterspezialmischung bringt es jedenfalls nicht. 'Er machte eine wegwerfende Handbewegung. 'Ich habe auf Helgoland den Treibstoff mit ein bißchen Benzin gestreckt, um den Gefrierpunkt zu senken, aber wenn wir zu lange hier oben bleiben, frieren auf kurz oder lang die Filter zu und der Diesel wird so zähflüssig, daß er nicht mehr angesaugt und verbrannt werden kann. Wenn das passiert, dann sitzen wir hier mit kurzem Hemd und Holzgewehr und keiner hat Geburtstag. Wenn wir auf Murmansk operieren, kann ich eine ordnungsgemäße Funktion der technischen Anlage nicht mehr garantieren.'

    Das allein war an sich schon genug, den Ausschlag zu geben. Am Abend des 1. November 1917 trug ich den Beschluß zum Rückmarsch in das Logbuch ein. Wir ließen das Nordkap und die Barentssee hinter uns und setzten Kurs auf Great Yarmouth, für die wir ja noch ein paar Minen dabei hatten.

    Würden wir dort mehr Glück haben ?

  9. #69
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    Damals war wohl kein deutsches U-Boot im Polarkreis einsatzfähig, daher auch gut nachvollziehbar. Aber wieder mal eine gute Story, werter Graf, danke...!!

    herzliche grüsse

    Hohenlohe... *GUTE JAGD!!*
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  10. #70
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    In der Tat, zumindest war es schwer vorstellbar, daß auf kurze Notiz mal eben so winterharter Diesel bereitgestellt werden konnte, zumal wir nicht sicher sind, ob es so etwas 1917 schon gab ! Aber ärgerlich war es doch, daß das Geleit uns entwischt ist. Wir haben testweise die Mission mit einem anderen Profil noch ein paar Mal gespielt, anscheinend ist es unmöglich, das Geleit auf dem Hinweg zu erwischen. Auf das Auflauern auf dem Rückweg haben wir dann verzichtet, weil das aus der Sicht eines Kommandanten ein Glücksspiel gewesen wäre.

    Aber immerhin haben wir ja noch die Minen für Yarmouth und vielleicht noch ein paar Handelsschiffe auf dem Weg !

    Ebenso freuen wir uns natürlich, daß ihr immer noch fleißig mitlest, was aber natürlich auch für die anderen, stummen oder nicht ganz so stummen Mitleser gilt !

  11. #71
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    Manche Missionen sind halt wohl falsch ausgelegt worden oder ihr solltet den Rückweg des Konvois abwarten...!! Ansonsten lesen wir gerne mit, da uns euer Schreibstil sehr zusagt...!! *freu*

    herzliche grüsse

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  12. #72
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    Ja, einige der Briefings sind durchaus mißverständlich formuliert, was ein Ärgernis ist.
    Einer der Punkte, die wir in der Abschlußbesprechung nochmal aufs Tapet bringen wollen.

  13. #73
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    Trotz der glücklosen Konvoiverfolgung stieg die Laune an Bord, als es wieder in Richtung Heimat ging, oder zumindest in eine Richtung, wo die Temperaturen zwar auch kalt waren, aber nicht so erbärmlich eisig wie am Polarkreis ! Der Rückmarsch an der norwegischen Küste und durch die Nordsperre verlief mehr oder weniger reibungslos, wenn man vom zunehmenden Mangel an Kaffee und dem steten Fluchen Schröders über die Filter und die Qualität des Dieselkraftstoffs einmal absah. Einsam und verfroren schlich das Boot durch die See und bahnte sich den Weg durch die See, ungestört durch irgendeine Form von Schiffahrtsverkehr. So kam UC-83 am 6.11. gegen Abend am Zielgebiet an und begann, die Zufahrt mit einigen Überraschungen für die feindlichen Schiffe zu versehen. Nachdem uns dies Arbeit etwa 2 1/2 Stunden in Beschlag genommen hatte, lief das Boot die englische Küste hinauf, Kurs Farn Deeps und Schottland. Am frühen Morgen des 7. November erhielten wir schließlich die erhoffte Meldung !

    'Kontakt Steuerbord achteraus, Herr Oberleutnant ! Peilung 155. Großes Schiff, könnte ein Tanker sein ! Etwa 100 hm entfernt.'

    Ich grinste wölfisch und betrachtete unsere Pechsträhne damit offiziell als beendet. Marek ließ das Boot wenden und wir fuhren dem verdunkelten Tanker durch die Dunkelheit entgegen. Würden sie uns rechtzeitig entdecken ? 50 hm trennten uns und gingen durch. Keine Reaktion. 40 hm... nichts. Die Dunkelheit versteckte das Boot oder die Posten waren nicht so scharfäugig wie sonst. Uns konnte es nur recht sein ! 35 hm. Braun am Deckgeschütz visierte den Bug des Schiffs bereits grob an. Auf 32 hm gab ich den Feuerbefehl. Die Mündungsflamme machte die Nacht zum Tag und die erste Granate hieb kurz vor dem Bug ins Wasser. Aber diese Sprache konnte oder wollte der da drüben nicht verstehen.

    'Tanker wechselt Kurs !'
    "Feuer aufrecht erhalten !"

    Die Mannschaft des Deckgeschützes verrichtete wieder einmal Schwerstarbeit unter der Anleitung ihres Geschützführers. Bald war das äußere Munitionslager leer und die Munition mußte vom Hauptlager unterhalb der Zentrale zum Geschütz geschafft werden. Drüben gingen die ersten endlich in die Boote. Fast 50 Granaten schluckte der Tanker, bevor er kenterte und langsam versank. Die Boote hatten es zum Glück noch weit genug weg geschafft und waren nicht im Ölteppich gefangen ! Um 1 Uhr 49 konnten wir die erste Versenkung für uns verbuchen. Die Flaute war beendet. Braun verlastete was ging in den Außenmunitionsbehälter und meldete den Restbestand als 89 Granaten. Nun gut, ich wußte ja, daß Tanker viel Geschosse zu schlucken pflegten, insofern nicht verwunderlich... Aber zumindest war meine Laune gerettet.

    Den gesamten 8. 11. passierte nichts. Das Boot kreuzte vor der britischen Küste, aber kein Ziel zeigte sich. Ich nutzte den Tag für einige Trockenübungen, um zu sehen, wie die Barentssee der Substanz des Bootes zugesetzt hatte. Abgesehen von einigen unwichtigen Schäden hatte es keine Probleme gegeben und auch die Männer waren nicht eingerostet, das Probetauchen und ein paar Alarmdrills funktionierten tadellos. Als der Tag endete, drückte ich den Männern meine Zufriedenheit aus. So konnte es weitergehen ! Auch am 9.11. sichteten wir unser nächstes Opfer frühmorgens.

    Um 2 Uhr 45 Minuten machte die Seewache ein kleineres Schiff zwischen unserem Kurs und der Küste ausfindig. Anscheinedn ein Frachter aus Aberdeen auf dem Weg nach Süden. 82 hm, direkt auf uns zukommend. Wieder bemerkten sie uns nicht, bis es zu spät war. Auf 39 hm eröffnete Bootsmannsmaat Braun das Feuer und feuerte 22 Granaten in das Schiff. Ob jemand in die Boote ging, konnte nicht beobachtete werden, aber ich fand es schlüssig, anzunehmen, daß die Mannschaft auf der abgewandten Seite das Schiff hatte verlassen können um zur Küste zu kommen. Auch dieses Schiff ging schließlich so den Weg allen Irdischen. Aber noch war die Patrouille nicht vorbei. Immerhin hatten wir noch alle 8 Torpedos und 67 Granaten an Bord. Dazu kamen noch etwa 800 Schuß für das Maschinengewehr. Die Betriebsstoffreserven waren auch noch beträchtlich. Alles in allem recht ordentlich. Interessanterweise fiel mir erst jetzt auf, daß wir unsere erste Versenkung tatsächlich am 13. Seetag gemacht hatten. Das mußte doch ein gutes Zeichen sein !

    Inzwischen waren wir fast wieder zu dicht am Firth of Forth and gingen wieder auf Kurs Südost. Die Stimmung war gut, aber der Mangel an Heißgetränk machte sich langsam immer deutlicher bemerkbar. Ich hatte genug Ersatzkaffee bunkern lassen, hatte aber auch die Länge der Feindfahrt deutlich unterschätzt. Das rächte sich nun, denn im November waren auch in der Nordsee Wind und Wetter nicht zu verachten. So mußte der Schmutt dann die widerliche Plörre immer weiter verwässern, um hinzukommen... Was würde wohl passieren, wenn weitere Erfolge ausblieben und die Stimmung an Bord schlechter wurde ? Nein, das mochte sich das wackere Köchlein lieber nicht vorstellen ! Also beugte er sich lieber wieder etwas weiter über seine Töpfe und rührte das Essen besonders gründlich um.

    '235.800 BRT, wenn ich es einigermaßen überblicke. Meinen Sie, wir schaffen die 250.000 in diesem Jahr noch, Herr Oberleutnant ?'
    "Warten wir es ab, Herr Schulte ! Immerhin ist das hier ja kein Wettrennen und mir ist es wichtiger, dieses Jahr nicht noch richtig zur Sau gemacht zu werden."
    'Sie meinen so wie Jaedicke ?'
    "Ja. Ganz genau so wie Jaedicke. Hat irgendjemand rausbekommen, was genau mit ihm passiert ist ?"
    'Nein, Jaedicke hat es wohl nicht richtig mitbekommen. Alle die auf dem Turm oder am Deckgeschütz waren und es aus erster Hand erzählen könnten sind tot und Petermann will nicht darüber reden.'
    "Hm, verstehe. Also nach allem die Augen offen halten, Schulte."
    'Jawohl, Herr Oberleutnant !'

    Mittlerweile war es Mittag geworden und das Boot war dabei, einen weiteren Tanker zu verfolgen. Ein Frachter war ihnen schon davongelaufen, aber den Tanker würden sie sich holen. Tatsächlich stoppte dieser, als Vogel ihn mit der VARTA anblinkte. Kurz darauf ging die Mannschaft in die Boote und machte, daß sie vom Schiff wegkam. Untersuchen mußte ich den Tanker nicht. Die transportirten grundsätzlich Kriegsgut und so verzichtete ich darauf, an Bord zu gehen, auch wenn ein Plausch mit einem Kollegen von der christlichen Seefahrt vielleicht doch ganz nett gewesen wäre !

    "Achtung bei Rohr 1 ! Mündungsklappe öffnen und Rohr bewässern. Klar zum Überwasser-Schuß."
    'Mündungsklappe geöffnet und Rohr bewässert ! Rohr ist feuerbereit !'
    "Maschinenraum: Volle Kraft zurück !"

    Der Tanker dümpelte ruhig in der Dünung, beinahe so, als wäre ihm entweder nicht bewußt, was gleich geschehen würde, oder als hätte er sein Schicksal bereits akzeptiert. Die Männer in den Rettungsbooten schufteten immer noch wie die Teufel, um möglichst viel Distanz zwischen sich und das Schiff zu bringen. ich wollte ihnen noch etwas Zeit lassen und wartete noch einige Minuten, die ich nutzte, um das Boot aus der Schußlinie zu bringen. Wenn dieser Tanker bis obenhin voll war, dann waren 500 m extrem wenig Distanz für die Explosion, die es geben würde. Zumindest meiner Meinung nach.
    "Maschinenraum: Alle Maschinen stoppen ! Torpedoraum: Entfernung 9 Hektometer. Tiefgang 2 Meter, Geschwindigkeit 31 Knoten. Zielpeilung 0. Zielfahrt 0."
    'Torpedo eingestellt !'
    "Rohr 1 - los !"
    'Rohr 1 abgefeuert !'

    Keine zwei Minuten später sprengte der Torpedo eon Loch in die Bordwand des Tankers. Eine Öldetonation blieb allerdings aus und das Schiff begann langsam, sich auf die Seite zu legen. Der hatte genug ! Getaucht liefen wir vom Versenkungsort ab, damit die Schiffbrüchigen unseren Verbleib nicht zu leicht erörtern konnten ! Danach ging es zurück auf den Suchkurs. Oder es wäre auf den Suchkurs gegangen... Ich suchte gerade mit dem Periskop die Wasseroberfläche ab, als ich den Frachter herankommen sah.

    "Frachter, Peilung 136 schnell näherkommend. Will wohl sehen, ob er Leute auffischen kann. Nun, das wissen wir ja nun besser. Lassen wir ihn noch etwas herankommen, dann auftauchen. Braun soll sich mit ihrer Mannschaft bereitmachen, das muß zack-zack gehen, sobald wir oben sind !" Ich hörte die Geschützmannschaft und die Seewache sich bereitmachen und gab Schröder das Zeichen anzublasen. Der Frachter war noch etwa 30 hm entfernt, schnell näherkommend. Ich zog das Periskop ein und reihte mich ein. Das würde eine schöne Überraschung geben ! Um 13 Uhr 26 durchbrach UC-83 die Wasseroberfläche. Das Deckgeschütz war schnell einsatzbereit gemacht und als Braun das Feuer eröffnen ließ, trennten uns nur noch 26 hm. Der Frachter drehte sofort, um seine überlegene Geschwindigkeit besser ausspielen zu können, aber das mußte er in der Todeszone des Deckgeschützes tun ! Schuß um Schuß hämmerte in das Schuß und als die ersten Flammen aus den Aufbauten brachen, sah man auch einige Männer, die eilig über Bord sprangen, um zumindest ihr nacktes Leben zu retten, und weit genug wegzukommen, bevor sie vom Sog des sinkenden Schiffes mit nach unten gerissen würden !

    46 Granaten waren noch übrig. Ich ließ Schulte das Schlauchboot klarmachen und es für die Überlebenden zu Wasser lassen. Das war im Moment alles, was wir tun konnten. Dann liefen wir ab. Laut Schulte's Berechnungen hatten wir damit die 250.000 BRT überschritten. Ein immenser Zahlenwert, der aber die Dimensionen dessen, was darin enthalten war, nicht annähernd wiedergab, weder zum Guten, noch zum Schlechten ! Aber einerlei, die runde Zahl machte den Männern Mut und hielt die Moral hoch. Es durfte nur nichts mehr passieren... Und es passierte auch nichts mehr, zumindest bis der vermaledeite Tanker kam !

    Wie zuvor, gelang es uns, das Schiff ohne viel Federlesens zu stoppen und die Mannschaft von Bord gehen zu lassen. Wie zuvor wollte ich das Schiff durch einen Überwassertorpedoangriff versenken.
    Um 23 Uhr 33 Minuten feuerte UC-83 den Torpedo auf eine Entfernung von 22 Hektometer ab. Schulte sah nach der Zeit.

    'Zeit ist um, Herr Oberleutnant ! 5 Sekunden drüber. 10 Sekunden drüber. 20... 30...'
    Fehlschuß ! Ich konnte es nicht fassen ! Also brachte ich das Boot näher an den still und starr daliegenden Tanker.
    "Rohr 1 los !"
    'Rohr 1 abgefeuert !'

    Aus 400 m ging der Torpedo auf das Ziel. Wieder... nichts ! Ich fluchte. Rohr 2 also, das gerade nachgeladen worden war !
    'Zeit ist um, Herr Oberleutnant !'
    Ich riß mir meine Mütze vom Kopf und warf sie durch das Turmluk. War denn das zu fassen ??? Dieses Schiff lag vor uns, unbeweglich, groß wie ein Haufen Scheunen und wir konnten es auf 400 verfluchte Meter nicht treffen ? Also war wieder Rohr 1 an der Reihe. Diesmal gab es einen lauten Knall und die Wassersäule stieg majestätisch in den Himmel. 50 Meter vor dem Ziel.

    'Frühdetonierer ?' fragte Schröder, der dazugetreten war und mir meine Mütze anbot, aufreizend neugierig. Als ob ich es nicht selber gesehen hatte ! Normalerweise hätte ich Braun das Schiff versenken lassen, aber ich wußte nicht, ob die Granaten reichen würden. Und aufgeben kam nicht in Frage, das würde uns als Unglück ewig nachhängen.

    Der Tanker mußte weg ! Mußte !

    Ich schäumte vor Wut und als das Torpedorohr nachgeladen war, gab ich die Daten noch einmal ganz langsam und detailiert durch das Sprachrohr an die Torpedomannschaft durch. Also den fünften verdammten Torpedo auf dieses Unglücksschiff !

    "Rohr 2... los !"
    'Rohr 2 abgefeuert !'

    Wenn es diesmal nicht werden würde, beschloß ich, eigenhändig rüberzuschwimmen und dem Dreckskahn ein Loch in den Rumpf zu treten, wenn nötig ! Erneut eine Explosion, erneut eine Wassersäule... Aber diesmal an der Bordwand ! Qualvoll langsam begann das Schiff, über den Bug zu sinken, wo der Torpedo getroffen hatte.

    "Na endlich !" brummte ich und schob mir die kalte Pfeife zwischen die Zähne, bevor ich wieder in die Röhre herabstieg. Nichts wie weg hier, das war alles woran ich noch denken konnte. Hier war eindeutig der Wurm drin !

    "Marek ! Kurs Heimat !"

    Die Feindfahrt war mir verleidet, und mit der noch an Bord befindlichen Munition hatten wir eine kleine Reserve für die Heimfahrt. Wie gut wir diese gebrauchen konnten, wußten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Allerdings änderte sich das keine acht Stunden später, als wir einen US-Frachter mit Kurs Schottland stellten und mit dem Deckgeschütz versenkten. War unser Glück zurück ? Ich warf Marek einen fragenden Blick zu, der zuckte mit dem Schultern... Manchmal wurde ich aus dem alten Fahrensmann einfach nicht schlau ! Trotzdem waren alle guter Dinge und freuten sich auf die Heimat.

    Einen Tag waren wir noch von Helgoland entfernt, als Gehring einen weiteren Tanker meldete. Ein Brite. Wir hatten genügend Zeit, uns in einen Hinterhalt zu legen, die Besatzung hatte nichts gemerkt. Nur die Entfernung war unangenehm groß, aber daran konnte ich jetzt nichts ändern. Rohr 3 sollte es richten, auf 53 hm. Der Torpedo... verfehlte ! Fluchend legte ich das Boot neu zurecht. Einen Torpedo hatten wir noch. Den letzten ! Ich wartete, bis das Schiff den Scheitelpunkt seines Kurses erreicht hatte. Näher würde er nicht mehr kommen. 47 hm, immer noch verdammt viel. In der Laufzeit auf diese Distanz konnte viel passieren, aber was half es ?

    "Los !"
    'Torpedo abgefeuert !'

    Schulte stand wie üblich mit der Taschenuhr in der Hand hinter mir. Wie Sirup verrannen die Sekunden, quälend langsam... Dann war die Blasenspur am Schiff angekommen. Ich hielt den Atem an.
    Torpedoversager ! Es half nichts, ich mußte den Briten laufen lassen ! Einholen konnten wir ihn nicht und das Deckgeschütz konnte ihn nicht erreichen. So ließen wir die Engländer ziehen und erreichten den Treffpunkt mit dem Torpedoboot am 16. Seetag und konnten wenig später das Boot an der Mole vertäuen. Ich und der Rest der Männer verbrachten den Rest des Tages in den Betten, unter einem wahren Berg von Decken, um die Kälte wieder aus den Knochen zu bekommen.

  14. #74
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    Allerdings wurden die molligen Decken allzu schnell wieder durch den Dienst ersetzt, und das hieß: bei von Rahden auf der Matte stehen ! Also tat ich das, um mir meine neuen Marschbefehle für den Einsatz abzuholen. Als ich das Büro betrat, stand vopn Rahden mit hinter dem Rücken verschränkten Händen am Fenster und sah auf den Hafen hinaus. An der Wand hinf die große Karte der europäischen Kriegsschauplätze, in der verschiedene Fahnen und Nadeln steckten.

    'Wie sie sicherlich gehört haben, hat es in Rußland endgültig eine Revolution gegeben. Die Regierung Kerensky ist weggefegt und die Kommunisten haben die Macht übernommen !'
    Davon hatte ich tatsächlich gerüchteweise gehört, hatte aber Schwierigkeiten gehabt, es als ernstzunehmend einzuordnen. Nun war es also Wirklichkeit ! Der zweite Putsch in einem Jahr. Fast wie 1870...

    'Man hat bereits zu Waffenstillstandsverhandlungen aufgerufen. Die russische Generalität ziert sich noch, aber sie werden bald einlenken, dafür werden wir sorgen. Besonders nach der Eroberung der Inseln im Moon-Sund ist die russische Marine faktisch ausgeschaltet und die Kaiserliche Marine beherrscht die Ostsee.' Er trat an die Tafel und unterstrich die Informationen mit den passenden Hervorhebungen. 'Die ersten Boote und Einheiten befinden sich bereits auf dem Weg an die Westfront. Dort wird im nächsten Jahr der Krieg entschieden werden ! Dazu ist es allerdings unerläßlich, daß die Ententetruppen nicht in der Lage sind, vor uns offensiv zu werden. Das wiederum bedeutet, daß unsere Aufgabe weiterhin darin besteht, den nachschub für die feindlichen Einheiten zu vernichten, bevor er in Frankreich ankommt. Hierzu ergehen folgende Befehle an sie:

    Erstens, verminen sie die Hafeneinfahrt von Plymouth. Plymouth ist einer der Hauptverladehäfen für den Nachschub der Westfront. Jedes Schiff, das nicht in Frankreich ankommt, schwächt die Truppe dort.
    Zweitens, patrouillieren sie einmal mehr die Iroise und greifen sie jedes Schiff an, das die französischen Häfen im Operationsbreich anlaufen will. Auch hier zählt jede Tonne versenkter Fracht. Sie werden am 2.12. auslaufen, das sollte ihnen genug Zeit geben und wenn alles gut geht, sind sie und ihre Männer Weihnachten bei ihren Familien. Schlagen sie schnell und hart zu, wo immer sie den feind treffen !'

    Ich verließ das Besprechungszimmer nachdenklich. Weniger wegen den Karten und Tabellen, sondern eher wegen der Lagebeurteilung. Würde es wirklich im Osten Frieden geben ? Würde 1918 tatsächlich das Jahr sein, in dem es noch ein letztes Mal um alles oder nichts ging ? Das Jahr, auf das wir alle seit 1914 hingearbeitet hatten ? ich hatte den Krieg schon so lange als eine Art andauernden Zustand betrachtet, daß der Gedanke an Frieden mich ein wenig beunruhigte. Der krieg war eine Konstante geworden, etwas das berechenbar und vorhersehbar war. Aber wenn der Krieg vorbei war, was würde dann werden ? Ich wußte es nicht, und das machte mir Angst... ! Alles was ich wußte, war, daß ich meine Männer heil durch die Mission bringen wollte. Von Rahden hatte recht, sie sollten Weihnachten bei ihren Familien sein !

    Und so lief das Boot am 1. Advent zur letzten Patrouille des Jahres aus. Schröder hatte gewitzelt, vielleicht sollten wir einen Tannenbaum mitnehmen, nur für alle Fälle, natürlich. Ich bot ihm an, das von seiner persönlichen Platzbewilligung abzuziehen, sollte er gewillt sein, den Baum als Matratze zu benutzen, würde ich einen kleinen Baum wohl erlauben. Das saß, und er verzichtete trotz meiner gegenteiligen Befürchtungen tatsächlich darauf. Trotzdem würden wir womöglich einen oder zwei Advente draußen verbringen, sodaß einige Tannenzweige und ähnliches trotzdem ihren Weg ins Boot fanden. Um 11 Uhr entließ uns der Sperrbrecher aus dem Geleit und wir nahmen Kurs auf die Südsperre, die niederländische Küste herunter und dann mitten durch. Nicht meine bevorzugte Route, aber die Nordpassage war zu lang für meinen Geschmack und so war ich durchaus bereit, das erhöhte Risiko auf mich zu nehmen und den Durchbruch zu wagen. Immerhin führte der Weg durch die Nordpassage direkt an Scapa Flow vorbei !

    Leider konnte ich den Männern keine Erleichterungen zugestehen, um den Adventstag als Einsatztag erträglicher zu machen, aber der Schmutt hatte wohl schon ein paar vorweihnachtliche Dinge in der Röhre und auch im Boot hingen hier und da ein paar Tannenzweige oder -gebinde. Ich tat, als sähe ich sie nicht, um den Männern eine Freude zu machen und ließ sdie Baumteile da hängen, wo sie waren. Auch die Briten hatten wohl am ersten tag dieser Woche mit dem Advent zu tun, jedenfalls war schiffahrtsmäßig nicht viel unterwegs, so daß der 2.12. ohne Kontakte bei leichtem Dienst verstrich. Am 3.12. kamen wir langsam in die Nähe der Kanalsperre. Ich war gerade auf der Brücke, wo ich mit dem derzeitigen Wachhabenden, Obersteuermann Marek, über Navigation plauschte, als ein Mitglied der Seewache ein merkwürdiges Objekt meldete, daß in der Dünung trieb und sich dem Boot näherte. Treibgut anscheinend.

    Die Detonation übertönte das meiste des Warnrufes.

    Das Boot krängte stark und ich verlor den Halt, als es von der Druckwelle erfaßt wurde. Ich hörte jemanden 'MANN ÜBER BORD !' kreischen, etwas Hartes traf mich an Kopf und Rücken und dann wußte ich nichts mehr...

  15. #75
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    Wir hoffen mal, dass dies nicht das Ende unseres Helden bedeutet und der Kampf hier nicht endet. Hoffentlich kommen er und das Boot heil zurück...!?

    herzliche grüsse

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  16. #76
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    ???

    Beim ersten Erwachen war alles um mich herum vollkommen dunkel gewesen. Ich merkte schnell ich trug keine Uniform und lag in einem Bett. Langsam kamen die Erinnerungen wieder. Langsam, Seltsam verschwommen. Die Feindfahrt, die Minensperre. Etwas im Wasser. Eine Explosion. Danach... Nichts mehr ! Ich versuchte, mich zu drehen. Es ging nicht, ich war fixiert ! Warum ? Und warum konnte ich nichts sehen ? Was war hier los ? Ich versuchte an den Fixierungen zu reißen. Ein Fehler. Der Schmerz schoß durch meinen rechten Arm, als würde ein langes Messer darin umgedreht.Ich ließ mich wieder in die Kissen sinken. Wo war ich. Wo waren die Männer ? Ob es ihnen gut ging ? Ich hörte Schritte. Stimmen, undeutlich, was sie redeten war nicht zu erkennen. Dann hörte ich, wie sich eine Tür öffnete. Wieder Schritte, lauter, sie kamen auf mich zu. Würden es deutsche oder englische Laute sein, die ich zu hören bekam ?

    'Guten Morgen Herr Oberleutnant, ich sehe sie sind wach, pünktlich zur Visite. Das ist eine schöne Abwechslung ! Wie geht es ihnen ?'
    "Nicht besonders. Ich weiß ja nicht mal, wer sie sind oder wo ich bin. Wo meine Leute und mein Boot sind... Was ist mit mir passiert ?"
    'Oh, da ist uns ein wahrer Held ins Netz gegangen, Schwester Elise !' Er klang mehr amüsiert als abfällig. 'Mein Name ist Dr. Endermann, Marineoberstabsarzt. Sie befinden sich seit nunmehr zwei Wochen im Marinelazarett Emden, ihre Leute haben sie nach dem, naja, Vorfall hierhergebracht. Ihnen ist klar, was für ein Glück sie hatten ?'

    Ich fand wenig an mein er jetzigen Situation, was man als 'Glück' bezeichnen konnte. Daher blieb ich erstmal stumm.

    'Anscheinend hat ihr Boot eine losgerissene und unter Treibgut versteckte Ankertaumine erwischt. Ihr Ingenieuroffizier meinte, da ist wohl Seewasser eingedrungen, weil der Großteil des Sprengstoffs nicht gezündet hat. Ansonsten, und da schließe ich mich seinem Urteil bedenkenlos an, wäre von ihnen und ihrem Boot nicht mal mehr ein Fettfleck übriggeblieben. Ihren Leuten geht es soweit aber gut, machen wir uns Sorgen um die Person, die das nötig hat.'
    "Um mich ?"
    'Um Sie.' jemand löste die Fixierungen und ich versuchte mich vorsichtig aufzusetzen. Wieder jagte eine Klinge durch den Arm. Dann half mir jemand, die Schwester wahrscheinlich.
    "Seien sie ganz ehrlich, Herr Oberstabsarzt, wie schlimm ist es ?"
    'Es geht, ich habe schlimmeres gesehen. Aber ich muß sie warnen. Sie werden nie wieder wie gewohnt Klavier spielen können.'
    "Ich kann gar kein Klavier spielen, Herr Oberstabsarzt."
    'Ah, dann sollten sie es vielleicht lernen, das entspannt und macht den Kopf frei.'
    Hatte er nicht eben noch gesagt... ? Ich war verwirrt. Jemand stieß mir einen Daumen un die Rippen und dann spürte ich etwas Kaltes auf meiner Brust.
    'Husten Sie !' Ich tat wie mir geheißen und sprang auch durch die weiteren Reifen der ärztlichen Standarduntersuchungen.

    'Gut, sie haben sich recht gut erholt. Die kleineren Schnitte und Prellungen sind nicht der Rede wert, ein paar mußten wir nähen, aber sie scheinen gutes Heilfleisch zu haben. Mit etwas Glück sind sie bis Weihnachten wieder zuhause, wenn ihr Arm mitmacht.' "Was ist damit, Herr Oberstabsarzt ?" 'Nun, er ist gebrochen, da beißt die Maus keinen Faden ab, aber recht sauber, insofern hatten sie Glück. Ich hätte ihn ungern wegen irgendwelcher Komplikationen oder Infektionen abgeschnitten !' Innerlich atmete ich auf. Da war also noch alles dran ! 'Kommen wir also zum unangenehmsten Teil. Ich werde ihren Verband entfernen, Schwester, helfen sie mir bitte. Herr Oberleutnant, halten sie bitte still und die Augen geschlossen.' Ich tat wie mir geheißen und hörte, wie Endermann den Verband entfernte und etwas aus seiner Tasche holte.
    'Öffnen Sie bitte mal rechts !'
    Ich tat wie mir geheißen.
    'Was sehen sie ?' "Nichts, Herr Oberstabsarzt !" 'Und wie ist es jetzt ?' "Heller, Herr Oberstabsarzt, aber sonst nichts..."
    'Na schön, dann öffnen sie links !'
    Ich öffnete das Auge und kniff es direkt wieder zu, da ich direkt in die kleine Lampe geblickt hatte, die Endermann mir vors Auge hielt. Er nahm die Lampe weg und ich sah mich in dem spärlichen Zimmer um. Es erinnerte mich mehr an eine Besenkammer, gerade gut genug für das Bett und das Regal mit den Utensilien. Die Schwester stand wohl noch hinter mir, ich konnte sie nicht sehen, aber der Marineoberstabsarzt saß auf einem Schemel direkt vor dem Bett. Er war dünn und hager und trug einen Kinn- und Schnurrbart, beides angegraut und einen schmalen Haarkranz um den ansonsten kahlen Kopf. Unter seinem weißen Kittel trug er Uniform. Über seine kleine, randlose Brille sah er mich erst an.

    'So sieht es also aus, Herr Oberleutnant. Ihr linkes Auge ist unbeschädigt, Sehkraft normal, würde ich sagen, aber diese Diagnose überlasse ich einem Facharzt. Das linke haben wir versucht zu rerhalten, aber anscheinend kann es nur noch zwischen Hell und Dunkel unterscheiden. Je nachdem, wie die Nähte abheilen, können wir bald sagen, was passieren wird.'
    "Nähte, Herr Oberstabsarzt ? In meinem Auge ?" Die Vorstellung bereitete mir Übelkeit. 'Ja, 22 Stück, wir werden sie nur peu a peu entfernen können, wenn wir nicht wollen, daß der Augapfel wie eine überreife Pflaume in sich zusammenfällt, aber zumindest haben sie es noch. Das ist nicht selbstverständlich !' Ich wollte davon nichts mehr hören und winkte ab, dabei sah ich, daß mein linker Ringfinger ebenfalls bandagiert war. Oder was davon übrig war, mehr als das erste Fingerglied konnte es nicht sein. Als Endermann meinen Blick bemerkte, erhob er sich.

    'Wie gesagt, Klavierspielen werden sie so nicht mehr gut können, aber wenn sie es erst lernen, können sie sich darauf einstellen. Denken sie darüber nach !'

    Er nickte und die Schwester folgte ihm hinaus. An sich war sie nicht unansehnlich, aber ich hatte in dieser Situation anderes im Kopf und so konnte ich die Ästhetik nicht voll wertschätzen ! Was würde nun aus mir werden ?

  17. #77
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    Werter Graf, euer Held hat wohl Schlimmes mitgemacht, aber er und das Boot sind noch halbwegs gut nach Hause gekommen, wobei der Oberleutnant einige schwerwiegende Verletzungen aufweist, die eine Frontverwendung gefährden dürften, was wir aber mal nicht hoffen.
    Aber wir würden es verstehen, wenn die Feindfahrten damit ein Ende hätten...*seufz*

    herzliche grüsse

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  18. #78
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    Sonntag, 22. Dezember 1917, irgendwo zwischen Emden und dem Oldenburgischen

    Dr. Endermann und seine Untergebenen hatten getan was sie konnten, aber hexen konnten sie auch nicht. So kam es, daß ich am Morgen immer noch im Lazarett gelegen hatte, den Arm in Gips und noch einigen Terminen zum Fädenziehen vor mir. Ich unterhielt mich mit dem Marinearzt über Weihnachten und wie meine Chancen wohl stünden, zum Fest zuhause zu sein. Nicht gut, meinte er, dazu müßte ich einen ganzen Stapel Papiere und medizinische Genehmigungen haben. Als ich fragte was für welche, holte er einen Packen Papiere aus der Jacke und legte sie vor mir auf den Tisch. Ungefähr so sähen die aus, meinte er. Ich wollte mich noch bedanken, aber da war er schon halb aus der Tür.

    'Frohe Weihnachten, Oberleutnant ! Hauen Sie schon ab !'

    So kam es, daß ich schon einige Stunden später im Zug auf dem Weg nach Hause war. Ich hatte mich fernmündlich angekündigt und Rudolf würde es weiterleiten, an sich nicht schlecht. Allerdings hieß das auch, daß ich einige Zwischenhalte nutzte, um mich noch mit ein paar Präsenten einzudecken. Die richtigen Pakete waren ja noch auf Helgoland... Über meinen derzeitigen Zustand hatte ich wenig verlauten lassen. Den Gips trug ich ja noch und obwohl das Auge ja noch etwas funktionsfähig war, hatte Endermann eine Augenklappe verordnet. Nicht nur wegen dem Licht, sondern auch weil es wohl nicht so schön anzuschauen war... Die dünne Narbe auf der Wange fiel da gar nicht so ins Gewicht. Auf der Habenseite hatte ich jeden Versuch der Sanitäter abgewehrt, mir den nach der Feindfahrt zugegeben etwas aus der Form geratenen Bart zu entfernen, also würde man mich zuhause zumindest wiedererkennen. Sie hatten mir zwar auch angeboten, ihn zu stutzen, aber darauf hatte ich verzichtet, nicht, daß er am Ende 'aus Versehen' dann doch weg war ! Konnte man bei dem Volk ja nie wissen...

    Im Osten war inzwischen Waffenstillstand und es waren wohl Friedensverhandlungen aufgenommen worden. Im Westen war nach dem Abschlagen einer Offensive des Feindes, die wohl auch einen massierten Tankeinsatz beinhaltet hatte ebenfalls wieder Ruhe eingekehrt. Ich dachte an Weihnachten 1914, vielleicht würde es ja dieses Jahr auch größtenteils ruhig bleiben ? Ich hatte mir die Zeit damit vertrieben, mich kurz mit der Schaffnerin zu unterhalten. Auch sie freute sich schon auf das Fest und hoffte, daß es 1918 für die einfachen Leute wieder etwas bergauf gehen würde. Darin stimmten wir überein. Ähnliches galt für eine Gruppe Soldaten, die es wohl auch geschafft hatten, Heimaturlaub zu bekommen. Auch sie erhofften sich ein besseres Geschick im neuen Jahr. Nachdem wir uns eine Weile beschnuppert hatten, und sie etwas aufgetaut waren, konnte ich aus ihren Worten herauslesen, daß es damit nicht mal unbedingt um den Sieg ging, soindern einfach nur um Frieden. So fand unsere eigene kleine Weihnachtsverbrüderung also auf dem Gang des Zuges mit einer kleinen Flasche Mirabell statt ! Am Bahnhof angekommen, sah ich recht schnell die Gestalt von Rudolf, direkt daneben aber auch die von Pasul jr., der aus der Entfernung auf mich zeigte und über den halben Bahnsteig rief.

    'Guck mal, Rudolf, ein Pirat !'

    Die meisten der wenigen Leute, die am Bahnhof waren, darunter auch die Soldaten und ich lachten. Rudolf wirkte eher indigniert, aber das war aus ihm nunmal nicht mehr herauszubekommen...

    Zuhause angekommen ließ ich mich von Rudolf erst einmal anständig rasieren und den Bart in Form bringen, damit ich nicht mehr wie ein, nunja, Pirat aussah. Der Gips machte es schwer, mich ohne Messer in zivile Kleidung zu bekommen, aber ein Domestik vom alten Schlag wie Rudolf kannte die Tricks und so glückte es mehr oder weniger gut. Er brahcte mich ebenfalls auf den neuesten Stand wie es ihnen hier ergangen war und was für die Feiertage bevorstand. ich war mir ziemlich sicher, daß er einige Dinge absichtlich nicht erwähnte, würde mich aber hüten allen das Weihnachtsfest zu verderben, indem ich jetzt zu tief bohrte. Tatsächlich hatten sich einige Gäste für die Weihnachtsfeiertage oder mindestens einen davon angesagt. Onkel Friedrich würde wohl kommen, ebenso Max mit seiner Frau und Philip mit seiner zukünftigen Braut. Berthold würde sich verspäten, sollte aber irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr eintreffen, das hatte er zumindest geschrieben. Unsere Schwestern, Anna und Friederike, waren ebenfalls angekündigt. Ihre Männer waren die Feiertage nicht da und sie wollten nicht allein feiern, also hatte Mine sie auch eingeladen. Es würde also eine Feier im Familienkreis werden ! Die Vorbereitungen liefen noch und es würde ganz klar eine Kriegsweihnacht werden, aber trotzdem freute ich mich bereits auf die Feier. Und natürlich besonders auf Mine. Sie war natürlich ob meines Zustandes zunächst tief bestürzt, aber das gab sich nach einigen Tage wieder. Immerhin war ich nicht völlig zerpflückt !

    Die Feiertage verliefen angenehm ruhig und friedlich, sobald es gelungen war, den Krieges aus den meisten Unterhaltungen herauszuhalten. So drehten sich die meisten Konversationen dann auch um die Zeit vor dem Krieg, wenn auch das Militär naturgemäß eine Rolle spielte. Die Geschenke unter dem Baum waren dann auch eher praktischer Natur, aber das störte keinen und die Festtage vergingen viel zu schnell. Einige Tanten und Freunde meines Vaters machten ebenfalls einen Anstandsbesuch, aber alles in allem war es eine ruhige Zeit, die der Familie gehörte. Nach und nach reisten die Gäste wieder ab, allerdings nicht, ohne vorher eine Photographie gemacht zu haben, darauf bestand Onkel Friedrich.

    So fand ich mich schließlich Arm in Arm mit Mine auf dem Balkon des Hauses wieder, als die Glocken des Kirchturms am Sylvesterabend Mitternacht schlugen. Der Schnee rieselte leise herab und Stille senkte sich wieder über das Land. 'Frohes neues Jahr, Paul !' "Frohes neues Jahr, Mine !" Ich sah gen Horizont, wo in einigen wenigen Stunden der erste Tag des neuen Jahres heranbrechen würde.

    Was würde 1918 der Welt bringen ?

  19. #79
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    Werter Graf, viele Feindfahrten wird es wohl wg des Zustands eures Helden wohl nicht mehr geben, aber wir hoffen für ihn, dass er den Krieg halbwegs gut übersteht. Die kommenden Zeiten wollen wir lieber nicht ansprechen, da wir sehr wohl wissen, was alles danach kam. Alles Gute für unseren Helden...!!

    herzliche grüsse

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  20. #80
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    Donnerstag, 10. Januar 1918. Marinestützpunkt Helgoland - Arbeitszimmer von Korvettenkapitän von Rahden

    'Ich fasse noch einmal zusammen... Ihr Arm ist wieder heil, die anderen Kratzer sind soweit nichts mehr, was sie körperlich einschränkt und das da', er zeigte auf die Augenklappe in meinem Gesicht,'ist rein medizinischen Notwendigkeiten geschuldet und behindert sie nicht im Fronteinsatz. So richtig ?'
    "Etwa so hat Marineoberstabsarzt Endermann es ausgedrückt, Herr Korvettenkapitän, aber das haben Sie ja bereits schriftlich. Besondere Lichtempfindlichkeit durch Verletzung. Ich bitte daher formell darum, den Dienst wiederaufnehmen zu dürfen."
    Korvettenkapitän von Rahden schritt einmal um seinen Schreibtisch herum und blieb genau vor mir stehen.
    'Was genau ist das eigentlich an mir, das Sie und diesen Endermann denken läßt, ich wäre auf diese spezielle Art blöd, Oberleutnant ? Was hier gespielt wird, sieht ja ein Blinder.'
    "Tatsächlich, Herr Korvettenkapitän ?"
    'Tatsächlich, Oberleutnant. Sie werden also ihren Persilschein da nehmen, ihn in klitzekleine Fitzel reißen und sich von dem Gedanken an jedwede Diensterleichterung umgehend verabschieden, habe ich mich klar ausgedrückt ?'
    "Glasklar, Herr Korvettenkapitän !"
    Er umrundete seinen Schreibtisch erneut und setzte sich wieder.

    'Die Kommunisten haben ihr wahres Gesicht gezeigt. Sie haben die Unabhängigkeit der baltischen Staaten und der Ukraine anerkannt, weigern sich aber standhaft, unsere Friedensbedingungen zu akzeptieren und spielen weiter auf Zeit. Daher wurden die Kampfhandlungen im Osten wieder aufgenommen, um die Bolschewiken zur Annahme der Bedingungen zu zwingen. Das bedeutet natürlich, daß die Verlegung der Ostverbände und damit die entscheidende Offensive sich weiter verzögern. Daher müssen wir weiterhin verstärkt die Nachschubwege angreifen, um die gegnerische Armee zu schwächen ! Sie werden daher erneut Yarmouth anlaufen und die Hafenzufahrt verminen. Danach patrouillieren Sie die Doggerbank und greifen die feindliche Handelsschiffahrt an.'

    Ich salutierte und erhob mich, dann verließ ich das Arbeitszimmer. Was in mir vorging war schwer zu beschreiben. Einerseits hatte ich es geschafft, den Dienst wiederaufnehmen zu können, aber andererseits war ich so wieder in einer Position in der ich erneut mein Leben in die Waagschale werfen mußte ! Normalerweise hätte ich argumentiert, daß Mine gut mit der Gewißheit hätte leben können, daß ich ein Landkommando ausfüllte und nicht mehr regelmäßig nach draußen fuhr, von wo immer mehr Männer nicht mehr zurückkamen. Aber auf der anderen Seite fühlte ich mich meinem Boot und meiner Mannschaft ebenso verpflichtet, genauso wie der Gesellschaft und natürlich dem Staat. Nein, so sehr ich Mine zuliebe wünschte, den einfachen Ausweg nehmen zu können, das Seeoffizierskorps hatte von den Deutschen vor dem Krieg einen großen Vertrauens- und Ansehensvorschuß bekommen, den wir jetzt rechtfertigen mußten ! Nein, würde ich jetzt kneifen, könnte ich keinem Menschen auf der Straße jemals wieder in die Augen sehen.

    Die Mannschaft erwartete mich am Auslauftermin bereits am Boot angetreten. Schulte gab das Kommando.
    'Aaachtung ! Augeeeen rechts ! Augen geradeeeeaus ! Zur Meldung an den Kommandanten die Augeeeen rechts !
    Melde UC-83 wieder vollständig einsatzbereit und die Mannschaft vollzählig angetreten, Herr Oberleutnant !'

    Die Mannschaft brachte ein dreifaches Hurra aus und Schulte gab ein Zeichen, woraufhin Steuermann Marek die Reichskriegsflagge am Boot hochzog. Oder zumindest, was ich zuerst dafür gehalten hatte. Als eine Windboe das Tuch erfaßte, enthüllte sich ein komplett schwarzes Tuch, auf dem ein weißer Totenkopf mit einer Augenklappe und zwei Knochen zu sehen waren. Ich traute meinen Augen nicht... Auch nicht, als noch eine weitere Person zwischen den Männern hervortrat und sein Männchen baute.

    "Sie hier, Herr Larsen ?"

    'Korvettenkapitän von Rahden hat mir erlaubt, bei der nächsten Patrouille mit rauszufahren. Hat er sie nicht informiert ?' Ich überlegte, war aber nicht sicher. Ich hatte von Rahden's Papieren zuhause zugegebenermaßen nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. Hatte ich etwas übersehen ? 'Erbitte ihre Erlaubnis, auf der Feindfahrt an Bord sein zu dürfen.' Vermutlich sah ich nicht sehr intelligent aus. Larsen grinste. 'Sie dachten ich würde kneifen sobald ich nüchtern bin, nicht ?'
    "Ja, ehrlich gesagt schon, Leutnant." 'Zugegeben, ich klinge angetrunken immer ziemlich großkotzig, aber bei mir sind die kitzligen und riskanten Dinger immer noch Chefsache !'
    Ich lachte. "Solche Leute können wir gebrauchen ! Seien sie mein Gast, Herr Larsen !"

    UC-83 lief wie gehabt hinter dem Sperrbrecher her und ließ Helgoland an der Kimm zurück. Ich und Larsen standen mit einer Tasse Ersatzkaffee auf der Brücke.
    "Also erzählen sie mal, Herr Larsen. Wieviel Seemannsgarn war bei ihren Referenzen dabei ?"
    'Gar nicht so viel, Herr Oberleutnant ! ich bin ja eigentlich von Haus aus auf Linienschiffen gefahren und bin dann von da aus ein paar Mal mit den kleinen Einheiten raus. Dazu kommen eine Feindfahrt nach England auf einem Marineluftschiff und 5 Wochen bei einer Marinefliegerstaffel in Zeebrügge.' Er tippte an das Band seines EK II, das an seiner Uniform sichtbar war, mir aber jetzt erst auffiel. 'Flandern, 1. Marinedivision. Das war bisher das Spannendste und Gefährlichste, das ich mitgemacht habe. Aber die Berichte... ich sag ihnen... Sowas finden sie so schnell nicht wieder.'
    "Mal sehen, ob sie ihre Seebeine noch haben, Herr Larsen ! Ein Zuckerschlecken wird das hier auch nicht."
    'Kann mir nur recht sein, Herr Oberleutnant ! Verfügen sie frei über mich, wie sie belieben !'
    Ich nickte und schlürfte nachdenklich an meinem Kaffee. Ich war noch nicht sicher, was ich von Larsen halten sollte. Grundsätzlich mochte ich ihn, er hatte Mut, war intelligent und sich nicht zu fein, sich die Hände schmutzig zu machen. Andererseits schien er einen Hang zum Leichtsinn zu haben und es mit seiner eigenen Sicherheit nicht zu genau zu nehmen. Ein Mann der die Gefahr suchte...

    Das Boot machte gut Fahrt und den ersten Seetag konnten wir ungestört verbringen. Larsen schien überall zu sein und ließ sich die Funktionsweise des Bootes haarklein erklären. Besonders mit Schröder schien er sich gut zu verstehen. Zu meiner Überraschung war ihm gar nicht so sehr daran gelegen, Photos zu machen, ich sah ihn tatsächlich nie mit einem dieser sperrigen Apparate. Stattdessen kritzelte er immerzu Notizen in sein kleines Buch und wenn er nichts zu tun hatte, schloß er sich der Seewache an oder saß hinten auf dem Turm und zeichnete. Ich war zufrieden damit, daß dieser Mann sich selber beschäftigen konnte, ohne allzusehr im Weg zu stehen und sich in die Mannschaft einzufügen versuchte. Trotzdem wollte ich, daß er einen Aufpasser hatte. Schröder übernahm diese Rolle freiwillig.

    Am 15. Januar hatten wir um 3 Uhr nachts den ersten Feindkontakt. Ich ließ nach Larsen schicken und ging auf Tauchstation. Der Leutnant spähte aufgeregt durch das Periskop.
    "Sehen sie, was ich sehe ?" Larsen gab das Seerohr wieder frei. 'US-Zerstörer, ich würde sagen 5000 m, schnell näherkommend. Was werden wir jetzt tun, Herr Oberleutnant ?'
    "Nun, bei dem Winkel wird er bald wieder in der Ferne verschwinden, aber ich denke, wir können einen Schuß riskieren... Aber zunächst lassen wir ihn noch etwas dichter herankommen." Ich wartete, bis der Zerstörer auf 37 hm heran war.

    "Achtung bei Rohr 1 !"
    'Rohr 1 feuerbereit !'

    Ich gab die Werte durch und der Torpedoraum bestätigte sie. Würde es klappen oder gab es einen Vorführeffekt ? Immerhin waren 37 hm für einen Torpedoschuß nicht unriskant. Aber vielleicht hatten wir Glück !

    "Rohr 1... los !"
    'Rohr 1 abgefeuert !'

    Ein Ruck ging durch das Boot und der Torpedo schoß aus dem Rohr. ich sah auf die Taschenuhr und überließ das Periskop Leutnant Larsen. 2 Minuten waren vorbei, zäh wie Melasse vergingen sie. Schließlich warn noch 20 Sekunden übrig. Dann 15.
    10.
    Larsen wurde angespannt, gleich würde sich entscheiden, on Larsen Glück brachte, oder nicht. Oder eben Pech, oder nicht !
    5 Sekunden.
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