Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gedanken zum "Political Correctness"-Argument
Da hier in der letzten Zeit so manche Diskussion letztendlich durch die Verwendung des -in meinen Augen Totschlag- Arguments, der Diskussionsgegner tue ja nur der "Political Correctness" genüge, ad absurdum geführt wurde, denke ich, dass die Beleuchtung des Hintergrundes dieser Argumentationsweise angebracht ist.
Eine Ansicht hierzu findet sich in dem Aufsatz Martin Dietzsch / Anton Maegerle - Kampfbegriff aller Rechten: "Political Correctness" ( http://www.uni-duisburg.de/DISS/Internetbibliothek/Artikel/Kampfbegriff.htm ) dessen Essenz die Autoren wie folgt sehen:
Zusammenfassung
Die US-amerikanische PC-Debatte wurde seit Anfang der 90er Jahre in der Bundesrepublik von rechtsextremen und rechtskonservativen Kreisen aufgegriffen. Da es hier keine vergleichbare Bürgerrechtsbewegung wie in den USA gibt und das Wissen über die US-Innenpolitik hierzulande äußerst dürftig ist, gelangte die ursprünglichen Forderungen nach "Political Correctness" hierzulande nur über den Umweg der polemisch verzerrten Darstellung ihrer konservativen Kritiker über den großen Teich. In der Bundesrepublik wurde das Schlagwort PC zum Popanz ohne realen Hintergrund, auf den es sich gut einschlagen läßt.
Im Namen des Kampfes gegen PC schwingen sich antidemokratische Kräfte, die gegen religions- und gesellschaftskritische, pazifistische oder sexuelle Positionen und Darstellungen sofort nach Verbot und Zensur rufen, zu Verteidigern der Meinungsfreiheit auf. Dies ist vor allem auch ein Reflex darauf, daß rechtsextreme und ultranationalistische Positionen seit der rassistischen Anschlagswelle Anfang der 90er Jahre vorübergehend in die Defensive gedrängt werden konnten. Die Anti-PC-Kampagne soll diese Insolation wieder aufbrechen und rechtes Gedankengut bis hin zur Auschwitz-Lüge hoffähig machen.
Um der "political correctness" zu genügen sollte man allerdings den ganzen Artikel gelesen haben. Aber Vorsicht! Man läuft Gefahr dem "Gutmenschentum" anheim zufallen.
Colonel Chris
02-02-2006, 09:50
@dooya
Auf den ersten Blick wirft das aber Bürger, die von gewissen Umständen einfach nur genug haben, in einen Topf mit den rechten Idioten.
Das ist, zumindest, wie es in diesem Ausschnitt steht, total undifferenziert und verallgemeinert.
@dooya
Auf den ersten Blick wirft das aber Bürger, die von gewissen Umständen einfach nur genug haben, in einen Topf mit den rechten Idioten.
Das ist, zumindest, wie es in diesem Ausschnitt steht, total undifferenziert und verallgemeinert.Es steht Euch frei, einen zweiten Blick zu werfen. ;) (Ich habe ja darauf hingewiesen, dass der Artikel es wert ist, ganz gelesen zu werden. )
Insbesondere versuche ich nicht, irgendwen in irgendeinen Topf zu werfen, es geht in diesem Artikel nur um den stereotypischen Versuch der Entkräftung inhaltlicher Argumente durch den Vorwurf, der Diskussionspartner befolge nur die political correctness. Es geht hier also mehr um die Diskussionskultur im Allgemeinen, als um die vertretene Meinung an sich.
Und letztlich habe ich ja auch geschrieben, das es sich um eine Ansicht zu diesem Thema handelt und selbige durch Eröffnung des Threads zur Diskussion gestellt. Sollte es andere Aufsätze zum Thema geben, würde ich mich freuen diese zu lesen.
Colonel Chris
02-02-2006, 12:10
@dooya
Euren Hinweis habe ich schon wahrgenommen. Meine Aussage bezog sich ja auch nur auf das, was Ihr in Eurem Posting zitiert habt.
Ferner hatte ich Morgen nicht die Muße, mir auch noch den Artikel zu Gemüte zu ziehen und jetzt wohl auch nicht.
von Holstein
02-02-2006, 14:36
Werter dooya,
nachdem ich den Artikel gelesen habe (und das sollte man wirklich) kann ich nur zustimmen, dass der Gebrauch des Argumentes „jemand wolle nur der "Political Correctness" genügen" der Diskussionskultur abträglich ist und demokratischen Grundtugenden widerspricht.
Political Correctness verstanden als Instrument zum Schutz von Minderheiten sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Was Viele jedoch vor der PC zurückschrecken lässt (und mitnichten nur Ultrakonservative und Nationale) ist dessen überbordender Gebrauch.
Das fängt an mit dem inflationären Gebrauch der Endung „-innenen“ um auch ja keine Frauen zu diskriminieren, geht weiter bis zum „Antidiskriminierungsgesetz“ (siehe auch hier (http://www.si-games.com/forums/showthread.php?t=8301&page=1&pp=20 ) ) und findet seinen Höhepunkt in den USA wo gerne auch mal ein Unternehmen in Milliardenhöhe (!!) verklagt wird weil es in Führungspositionen nicht so viele Frauen wie Männer gibt.
Diese Auswüchse sind es vielmehr, die den Begriff der Political Correctness in Verruf gebracht haben und nicht eine konzertierte Aktion rechtskonservativer Kräfte, wie es der Artikel suggerieren möchte.
Zum Artikel an sich:
Totschlagargumente mittels Worthülsen liefern können die Alt-68 übrigens mindestens genauso gut. Da helfen dann auch konstruierte Lebenslügen nicht über die Tatsache hinweg, dass es sich viele „alten Kämpfer“ inzwischen genau so gemütlich im bundesdeutschen Wohlstand eingerichtet haben wie die von ihnen so kritisierte Bourgeoisie.
Tendenziös geschriebenen Artikel wie dieser leisten der ursprünglichen Intention eher einen Bärendienst als das sie diese befördern.
Stauffenberg
02-02-2006, 14:42
Werter dooya :) :
Ein nicht uninteressanter, in seiner insgesamt etwas unangenehm aufgeregt und generalisierend wirkenden Gegen-Polemik wider die Polemik der "PC-Gegner", wenn ich das mal so sagen darf, aber für das Anstoßen einer wirklich ernsthaften und eher vorurteilsfreien Debatte zum Thema PC (Ob eine solche zwischen "Alt-Linken" und "Neo-Kons" hierzuforum überhaupt auch nur im Ansatz möglich ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. :rolleyes: ) IMHO eher ungeeignet, weil er die Fronten genau da zieht, wo sie in den Köpfen der hierzuforum an solchen Plänkeleien gern Beteiligten ohnehin schon liegen: Hie "linke Gutmenschen und alternative Spinner", da "verknöcherte Rechtskonservative und Schlimmeres". Ich wage zu bezweifeln, dass man man mit diesem Text, der so schön die tief ankonditionierten Beiß- und Abwehrreflexe beider Seiten bedient und reizt, eine Diskussion anstoßen kann, die auf etwas anderes herausläuft, als die bei SI seit der Einführung des Politikforums täglich ad nauseam zelebrierten Grabenkämpfe "Rechts gegen Links" (oder umgekehrt, je nachdem, wer sich gerade aktuell in der Opferrolle sieht).
Darf ich mir darum erlauben, einen etwas weniger polemischen Denkanstoß aus dem Hause Wikipedia zu offerieren? :)
http://de.wikipedia.org/wiki/Political_Correctness
P.S.: ...Ferner hatte ich Morgen nicht die Muße, mir auch noch den Artikel zu Gemüte zu ziehen und jetzt wohl auch nicht...Seid Ihr Zeitmaschinenmechaniker oder so was? ;) :D :engel:
Werter dooya,
nachdem ich den Artikel gelesen habe (und das sollte man wirklich) kann ich nur zustimmen, dass der Gebrauch des Argumentes „jemand wolle nur der "Political Correctness" genügen" der Diskussionskultur abträglich ist und demokratischen Grundtugenden widerspricht.
Political Correctness verstanden als Instrument zum Schutz von Minderheiten sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Was Viele jedoch vor der PC zurückschrecken lässt (und mitnichten nur Ultrakonservative und Nationale) ist dessen überbordender Gebrauch.[...]
Die zentrale -und für mich überraschende- These dieses Artikels ist ja gerade, dass es in Deutschland einen solchen übermäßigen Gebrauch ja gar nicht gibt, ein entsprechender Eindruck aber durch eine systematisches "Einschlagen" auf den "Popanz ohne realen Hintergrund" bewußt geschaffen wird.
[...]
Das fängt an mit dem inflationären Gebrauch der Endung „-innenen“ um auch ja keine Frauen zu diskriminieren, geht weiter bis zum „Antidiskriminierungsgesetz“ (siehe auch hier (http://www.si-games.com/forums/showthread.php?t=8301&page=1&pp=20 ) )[...]
Der Artikel ist von 1996, da war das Antidiskriminierungsgesetz wohl noch nicht aktuell. Mir ist aber klar, auf was Ihr abzielt und ich kann Euch darin folgen. Aus meinen eigenen Universitätserfahrungen bin ich quasi Augenzeuge der "Binnen-I"-Pandemie.
[...]und findet seinen Höhepunkt in den USA wo gerne auch mal ein Unternehmen in Milliardenhöhe (!!) verklagt wird weil es in Führungspositionen nicht so viele Frauen wie Männer gibt.
Die Zustände in den USA sollen in der Tat diesbzgl. ausufern. Aber -so die These des Artikels- soll das Klima bei uns gerade nicht mit den USA vergleichbar sein.
Diese Auswüchse sind es vielmehr, die den Begriff der Political Correctness in Verruf gebracht haben und nicht eine konzertierte Aktion rechtskonservativer Kräfte, wie es der Artikel suggerieren möchte.
Der Artikel suggeriert weniger, dass der Begriff der Political Correctness in Verruf gebracht wurde, sondern dass er bei uns nie wirklich einen "Ruf" hatte.
Zum Artikel an sich:
Totschlagargumente mittels Worthülsen liefern können die Alt-68 übrigens mindestens genauso gut. Da helfen dann auch konstruierte Lebenslügen nicht über die Tatsache hinweg, dass es sich viele „alten Kämpfer“ inzwischen genau so gemütlich im bundesdeutschen Wohlstand eingerichtet haben wie die von ihnen so kritisierte Bourgeoisie.
Zweifellos.
Tendenziös geschriebenen Artikel wie dieser leisten der ursprünglichen Intention eher einen Bärendienst als das sie diese befördern.Mir war durchaus bewußt, dass der Artikel weniger als Beispiel filigraner Rhetorik dienen kann. Ich habe ihn dennoch vorgestellt, weil die dort angesprochene Verwendung des "Political Correctness" Vorwurfes hier seit einiger Zeit gebräuchlich wird. Immer, wenn gegen bestimmte Einstellungen und Meinungen keine inhaltlichen Argumente vorgebracht werden, folgt -fast wie ein Automatismus- der Anwurf, diese Einstellungen enstammen ja bloß dem ahnungslosen Befolgen der Political Correctness. Der Artikel entkräftet dieses Argument mit der Annahme, eine entsprechende Bewegung habe es in Deutschland nie in einem hierzu ausreichendem Maße gegeben. Das hielt ich für einen interessanten Gedankengang.
Vielleicht sollte ich noch erklären, warum ich vergleichsweise sensibel auf eben diesen "Political Correctness"-Vorwurf reagiere. Wenn ich einen bestimmten Standpunkt innerhalb einer Auseinandersetzung vertrete und mein Gegenüber wirft mir vor, ich täte dies nur, um der Political Correctness zu genügen, unterstellt er mir implizit, ich würde nicht meine persönliche Meinung vertreten, sondern unreflektiert und opportunistisch argumentieren. Ich lasse mich nicht gern als gedankenlosen Mitläufer darstellen.
Werter dooya :) :
Ein nicht uninteressanter, in seiner insgesamt etwas unangenehm aufgeregt und generalisierend wirkenden Gegen-Polemik wider die Polemik der "PC-Gegner", wenn ich das mal so sagen darf, aber für das Anstoßen einer wirklich ernsthaften und eher vorurteilsfreien Debatte zum Thema PC (Ob eine solche zwischen "Alt-Linken" und "Neo-Kons" hierzuforum überhaupt auch nur im Ansatz möglich ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. :rolleyes: ) IMHO eher ungeeignet, weil er die Fronten genau da zieht, wo sie in den Köpfen der hierzuforum an solchen Plänkeleien gern Beteiligten ohnehin schon liegen: Hie "linke Gutmenschen und alternative Spinner", da "verknöcherte Rechtskonservative und Schlimmeres". Ich wage zu bezweifeln, dass man man mit diesem Text, der so schön die tief ankonditionierten Beiß- und Abwehrreflexe beider Seiten bedient und reizt, eine Diskussion anstoßen kann, die auf etwas anderes herausläuft, als die bei SI seit der Einführung des Politikforums täglich ad nauseam zelebrierten Grabenkämpfe "Rechts gegen Links" (oder umgekehrt, je nachdem, wer sich gerade aktuell in der Opferrolle sieht).[...]
Ich denke, dass ich einige Eurer Fragen schon in meiner Antwort an den werten von Holstein beantwortet habe. Mir war die "Ausrichtung" des Artikels durchaus bewußt; inwiefern die von Euch angesprochenen Grabenkämpfe hier im Forum sich dort wiederfinden, mag jeder für sich selbst beantworten.
[...]
Darf ich mir darum erlauben, einen etwas weniger polemischen Denkanstoß aus dem Hause Wikipedia zu offerieren? :)
http://de.wikipedia.org/wiki/Political_Correctness
[...]Ich hatte den Artikel in der WikiPedia auch gelesen. Er erklärt sicherlich recht gut, was Political Correctness eigentlich ist, jedoch nicht, wie der Begriff hier in letzter Zeit benutzt wird. Dies tut jedoch der von mir vorgestellte Artikel.
@dooya
Euren Hinweis habe ich schon wahrgenommen. Meine Aussage bezog sich ja auch nur auf das, was Ihr in Eurem Posting zitiert habt.
Ferner hatte ich Morgen nicht die Muße, mir auch noch den Artikel zu Gemüte zu ziehen und jetzt wohl auch nicht.Mit Verlaub, dann solltet Ihr Euch vielleicht auch der Muße entziehen, mir vorzuwerfen, ich würde irgendwen in irgendwelche Töpfe werfen. ;)
Mitchell
02-02-2006, 21:01
...diese derart beschaffene neue soziale Bewegung von rechts, vielfach "Neue Rechte" genannt, ist im Ganzen geprägt von relativ losen Strukturen, informationeller Vernetzung und weist ein ziemlich heterogenes Erscheinungsbild auf. Sie verfügt über ein modernisiertes Auftreten, bemüht sich um eine Intellektualisierung der rechten Szene. Darüber hinaus wird mit "politischer Mimikry" operiert, einem scheinbar gemäßigten Duktus, wozu verbale Tarnung, sprachliche Codes, Andeutungen und Unterschwelligkeiten gehören. Das Ziel der Neuen Rechten ist es, die "kulturelle Hegemonie", die Meinungsführerschaft in Deutschland zu erlangen. "Ihr Aktionsfeld ist weder die Straße noch sind es die Parlamente, sondern die Diskurse, in die die Neue Rechte eingreifen möchte, um einen politischen Klimawandel vorzubereiten" (Thomas Pfeiffer, S.27). Neben fortwährender Angriffe auf eine angeblich zu brechende Hegemonie der 68er bzw. "der Linken", präsentiert man sich als Nonkonformist, Tabubrecher oder Rebell gegen Denkverbote, die angeblich aus der von der Linken forcierten, fast schon staatsreligionsähnlichen Charakter innehabenden "Political Correctness" resultierten.
Ganz persönlich muss ich sagen, das ich die oben beschriebene Taktik/Strategie schon in einigen Internet-Foren erlebt habe. Da wurde ganz bewusst versucht auf höchst unterschwellige Art und Weise gewisses Gedankengut zu verbreiten.
Wahnfried
02-02-2006, 21:26
Ganz persönlich muss ich sagen, das ich die oben beschriebene Taktik/Strategie schon in einigen Internet-Foren erlebt habe. Da wurde ganz bewusst versucht auf höchst unterschwellige Art und Weise gewisses Gedankengut zu verbreiten.
Oh, ich denke das trifft auch auf die Linke Presse zu! Oder vielleicht koennte man es so sagen. In den Nachkriegsjahre war die Gesellschaft im Vergleich zu heute extrem konservativ und das politische Spektrum war wesentlich weiter rechts. In den 60ziger Jahre gab es eine Bewegung die, die Gesellschaft aendern wollte. Das Establishment, die Presse und der Zeitgeist war konservativ und Rechts. Die Rebellen gegen diese Gesellschaft, die so genannten 68ziger, kaempften dagegen. Die Gesellschaft werte sich gegen diese Aenderungsversuche. Die Linken wurden als Langhaarige Bombenwerfer, Irre und was noch gescholten. Insgesamt war der Kampf der 68ziger erfolgreich. Die Gesellschaft, der Zeitgeist, die Presse und Politik bewegte sich nach Links. Nun ist das Establishment, die Presse und der Zeitgeist liberal und Links.
Nun gibt es eine Bewegung nach Rechts. Das kann man ganz gut in den USA sehen. Was bei denen passiert kommt meisst nach ein paar Jahre auch zu uns. Der Konflikt mit dem Islam, die verschlechterte wirtschaftliche Lage fuehrt nun dazu das die Bevoelkerung wieder konservativer wird und nach Rechts tendiert. Die Gesellschaft wehrt sich dagegen, denn wie jede Gesellschaft versucht sie das zu bewahren was ist.
Also, wenn sich ein Artikel ueber das aufkeimen rechten Gedankenguts ereifert ist das ein Versuch, den Status Quo zu erhalten. Aber, ich wuerde das nicht als Untergang des Abendlandes sehen.
Ganz persönlich muss ich sagen, das ich die oben beschriebene Taktik/Strategie schon in einigen Internet-Foren erlebt habe. Da wurde ganz bewusst versucht auf höchst unterschwellige Art und Weise gewisses Gedankengut zu verbreiten.
Ja, das nennt sich auf neudeutsch "Viral-Marketing" :cool:
Fiese Sache, quasi virtuelle NetGuerilla-Taktiken, die natürlich vom braunen Sumpf genauso gut genutzt werden wie von gewieften Produktmanagern ;)
Montesquieu
03-02-2006, 06:06
Wenn von "angeblich" rechter Seite das Argument gebracht wird, man sei ein Gutmensch, weil man gewisse Vorstellungen vom "guten Menschen" hat, ist dies ein Totschlag-Argument, aber genauso kommt es sehr of von linker Seite dazu, einem Utopia vorzuhalten und dadurch eine Diskussion direkt unmöglich zu machen.
Aber generalisieren kann man dies natürlich nicht, sind "Rechte" natürlich dadurch gekennzeichnet, dass sie, wenn es um religiöse Werte geht, auch zu einem Gutmenschentun neigen, siehe Abtreibungsdiskussion und andere religiöse Streitfragen. Deswegen finde ich, dass der sich an der Political Correctness nicht zwansläufig rechts. War es nicht Helmut Schmidt, der sagte: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!". Eine pragmatische, realistische Erklärung der Welt, welche auf idealistische Züge weitgehend verzichtet, muss nicht zwansläufig hart rechts sein, diese Ausrichtung tendiert eher zur Mitte, da normalerweise auch Kritik am Neo-Konservativen idealistischen Verständnis gebracht wird, siehe die Ablehnung des Irak-Krieges durch die Realisten Waltz, Gilpin, Mearsheimer und einige mehr, welche wirklich nicht der amerikanischen Hippie-Fraktion zuzurechnen sind.
Also haben wir es eher mit dem stetigen Kampf der Realisten vs. der Idealisten zun tun, der auch in der deutschen Ideengeschichte immanent ist. Political Corectness ist meist nur ein neuer Begriff, in einem alten Streit. Nur weil ein Begriff aus den USA kommt und vielleicht von konservativen Kreisen gebraucht wird, macht es ihn noch lange nicht zum nazistischen Kampfbegriff, genausowenig wie "konservativer Sturkopf" nur auf "Rechte" angewendet werden kann, wie man an manchen Sozialpolitikern sehen kann.
Wahnfried
03-02-2006, 06:21
Sehr richtig werter Montesquieu, beide Seiten benutzen Totschlagargumente.
Brauner Sumpf, rechte Gewalt, Nazis, etc.
Political Correctness, Gutmenschentum, etc.
Beides ist nicht angemessen um abweichende Meinungen zu diskreditieren. Es gibt auf rechter und linker seite extreme und beide sind schaedlich, aber solange man ein Diskussion mit Argumenten vortraegt sollte man Beileidigungen und abwertente Bemerkungen unterlassen.
Montesquieu
03-02-2006, 06:40
Zusatz:
Der Artikel ist nicht gut, da sie genau das machen, was sie vermeiden wollen, nämlich Totschlag-Argumente zu bringen. Da werden Politikwissenschaftler und Menschen konservativer Coleuer direkt in einem Topf mit Nazis geschmissen. Ernst Nolte ist in dieser Hinsicht ein immer gerne genanntes Beispiel. Sicher, kein Kind von Traurigkeit, aber manchen "Linken" reicht es schon aus, wenn man eine Arbeit über ihn geschrieben hat, den Schreiber als Anti-Demokraten und Fast-Nazi zu beschimpfen (So geschehen in der Bonner SP-Zeitschrift in einem polemischen Artikel über das Politische Seminar).
Aus genau demselben Grund könnte man Gysi und Lafontaine als undemokratische Altstalinisten verurteilen. Auch wenn ich der PDS ein bißchen misstrauisch gegenüberstehe, so stelle ich aber nicht die demokratische Integrität dieser beiden Herren in Frage. Dieser Artikel allerdings bringt dieses übliche Argument "Wenn einer was sagt und der Nazi an sich findet das auch nicht schlecht, dann kann es ja nichts sein und wer so argumentiert ist entweder selber ein versteckter Nazi oder ein offensichtlicher!" Merkt man was? Genau! Hier wird wieder mit einem Totschlagargument losgepoltert, anstatt dass rational abgewogen wird. Man widerlegt sie mit ihnen selbst und das ist nicht gerade wissenschaftliches Vorgehen.
Stoertebeker
03-02-2006, 14:29
Eine pragmatische, realistische Erklärung der Welt, welche auf idealistische Züge weitgehend verzichtet, muss nicht zwansläufig hart rechts sein
... sie ist es selbstverständlich nie.
Die Welt von hart Rechts zu betrachten bedeutet, eine bunte Welt Schwarz-Weiss zu malen.
Pragmatisch ist dies höchstens insofern, als die nicht Differenzierungsfähigen oder -willigen diesen Quatsch gerne glauben und somit leicht an die Wahlurnen oder an den Kiosk zu locken sind.
Auch mir geht es im Übrigen auf den Geist, wenn jeder Kleinkram unter Naziverdacht gestellt wird und alles und jeder mit Goebbels und Hitler verglichen wird. Dies ist ein grosser Fehler, von "Mitte-Links", das damit zwar Reflexe bei den Alt-68ern anspricht, sich aber bei den jüngeren Generationen unmöglich macht. Ausserdem wird eine Waffe durch häufigen Gebrauch nicht schärfer. Das Problem ist ja, dass es auch leider genug Fälle gibt, wo es angebracht und wichtig ist, einen Nazi oder Antisemiten als solchen zu entlarven. Diese Fälle gehen leider immer häufiger im allgemeinen Geschrei unter.
Ich sehe die Polemik von Rechts deshalb auch gefährlicher, werter Wahnfried: erstens weil die Gedanken gefährlicher sind und zweitens weil die Waffe, etwas als allzu "political correct" zu bezeichnen noch weitaus schärfer ist.
Rechts fängt, werter Montesquieu, dabei nicht erst bei glatzköpfigen Neonazis an, sondern bei ebenjenen Rechts-Konservativen, die der Artikel auch so nennt. Dass diese mitgeholfen haben, political correctness an den Pranger zu stellen und den ganz Rechten, damit, gewollt oder nicht, neue propagandistische Möglichkeiten zu verschafften, und dadurch, dass man auch selbst weiterhin diese Keule schwingt, die Nazis ein Stück mehr hoffähig zu machen, das behauptet der Artikel und ist für mich leicht nachzuvollziehen.
Und deshalb fand ich den Artikel zumindest nicht schlecht, da der gezielte Missbrauch dieses Begriffs durch die rechte Propaganda deutlich gemacht wurde, der mir nicht bewusst war. Ebensowenig übrigens der Ursprung des Begriffs "Political Correctness": für mich war dies ein reines Schimpfwort.
Und das wird es wohl auch bleiben: dieser Begriff ist nicht mehr zu rehabilitieren.
Das hehre Anliegen, das ihm ursprünglich zugrunde lag, muss sich halt eine neue Sprachhülle suchen.
Wahnfried
03-02-2006, 15:32
Werter Stoertebecker, ich nehme an ihr seit nicht überrascht wenn ich euch wiederspreche. Sicherlich erwartet ihr auch nichts anderes. Ich habe nun mal eine andere Weltsicht und vertrete die genauso wie ihr eure.
Das die Ziele der Rechten mit denen der Nazis vergleichbar sind ist mit verlaub Unsinn. Ich wüßte noch nicht mal was denn die Ziele der Rechten sein sollten? Landläufig asoziert man mit Rechts = Konservativ, Law and Order, Leistungsgesellschaft, Patriotismus, etc.
Unsere Gesellschaft ist aber zur Zeit eher Links, Konsenzsüchtig, Sozialstaatlich, Spaßgesellschaft, Leben und Leben lassen, liberal in Bezug auf Gesellschaftliche Angelegenheiten (nicht in Bezug auf die Wirtschaft), etc.
Zur Zeit wollen die Linken den Status Quo bewahren und die Rechten wollen ihn ändern. Das heißt im Moment sind die Linken die Konservativen (von Lateinisch conservativus - bewahrend).
Das die Linken das Gute wollen aber meißt das Gegenteil bewirken wurde oft von der Geschichte bewiesen!
Ich will jetzt gar nicht die vielen Millionen Tote des Kommunismus, oder den Wirtschaftlichen Niedergang des Sozialismus erwähnen, sondern an Hand des Beispiels BRD verdeutlichen.
Als, die BRD noch Mitte/Rechts war, wurde das Land aufgebaut und es kam zur Wirtschaftlichen Blüte. Es gab noch ein Bevölkerungswachstum und die Sozialsysteme waren in Ordnung. Die von den Linken geschmähten Sekundärtugenden (Fleiß, Disziplin, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnungssinn, Höflichkeit, oder Treue und Gehorsam) hatten dazu geführt das es das Wirtschaftswunder in der BRD gegeben hatte. Auch die Bildung war noch Weltspitze. Ab dem Wahlsieg der SPD mit Willi Brand (1969) und dem erstarken der Gewerkschaften und linken Kräften, ging es Wirtschaftlich bergab. Die Bevölkerung tendierte zum Egoismus, durch überzogene Gehaltforderungen und Arbeitszeitverkürzung wurde der Standort Deutschland unattraktiv, durch überzogenes Anspruchsdenken an den Sozialstaat ging der Staatshaushalt über die Wupper, dadurch das man den Leistungsdruck von den armen Schüler nehmen wollte, gingen die schulischen Leistungen den Bach runter und durch den überzogenen Individualismus gingen die Familienstruktur flöten und die Geburtenzahlen gingen in den Keller.
Verbessert haben sich allerdings die persönlichen Freiheiten. Ich bin eigentlich froh dass es so gekommen ist. Dadurch ist weniger Druck auf den Einzelnen und man kann so Leben wie man möchte. Wenn man denn die finanziellen Möglichkeiten hat. Nur, ist es abzusehen dass eine Gesellschaft wie unsere so nicht auf ewig weitermachen kann. Irgendwann sind wir wirklich Pleite und ich frage mich wer in 30 Jahren für all die Alten die Renten zahlen soll. Ein bisschen mehr Rechts würde der Gesellschaft gut tun finde ich und darum sehe ich mit unverhohlener Freude, wie sich die Linke dagegen windet und lauthals klagt das die Gesellschaft nach Rechts trifftet. Das ist gar nicht mehr zu verhindern denke ich. Die Merkel bekommt mehr und mehr zuspruch. Es ist mitllerweile so, dass die SPD, sogar der Münte Positionen der CDU übernimmt (Anpassung der Lebensarbeitszeit vorziehen). Die nächsten Wahlen wird die CDU gewinnen (Kanzlerinnen Bonus) und die Realität zwingt dazu die Zügel wieder stärker anzuziehen. Von daher sehe ich diese Rückzugskämpfe der Linken gelassen.
Montesquieu
03-02-2006, 18:31
Rechts fängt, werter Montesquieu, dabei nicht erst bei glatzköpfigen Neonazis an, sondern bei ebenjenen Rechts-Konservativen, die der Artikel auch so nennt. Dass diese mitgeholfen haben, political correctness an den Pranger zu stellen und den ganz Rechten, damit, gewollt oder nicht, neue propagandistische Möglichkeiten zu verschafften, und dadurch, dass man auch selbst weiterhin diese Keule schwingt, die Nazis ein Stück mehr hoffähig zu machen, das behauptet der Artikel und ist für mich leicht nachzuvollziehen.
Und deshalb fand ich den Artikel zumindest nicht schlecht, da der gezielte Missbrauch dieses Begriffs durch die rechte Propaganda deutlich gemacht wurde, der mir nicht bewusst war. Ebensowenig übrigens der Ursprung des Begriffs "Political Correctness": für mich war dies ein reines Schimpfwort.
Und das wird es wohl auch bleiben: dieser Begriff ist nicht mehr zu rehabilitieren.
Das hehre Anliegen, das ihm ursprünglich zugrunde lag, muss sich halt eine neue Sprachhülle suchen.
Und was soll uns das jetzt sagen? Wenn Sozialdemokraten von mehr Sozialstaat reden, dann spielt das auch den Stalinisten in die Hände. Deswegen den Sozis verbieten, davon zu reden, halte ich für hochgradigen Schmarn, umgekehrt genauso. Wenn man sich in einer Republik in einem politischen Diskurs unter Gleichen befindet, welche die freiheitlich-demokratische Grundordnung vollstens bejahen, wie es bei vielen der genannten Personen in dem Artikel ist, dann mit dem Argument "Aber die Nazis..." zu kommen, finde ich arm. Punkt um! Das soll man mit Argumenten zwischen einander regeln. Und mehr, als die Argumente von Rechtskonservativer Seite aufzählen, macht der Artikel nicht. Er entkräftigt sie nicht, bietet keine Alternative an, sondern sagt nur, dass man das bitte schön bleiben lassen soll.
General Wallenstein
03-02-2006, 18:37
Ich persönlich bevorzuge das offene Wort, es macht letztlich keinen Unterschied ob ich jemanden "politisch korrekt" angreife oder nicht. ;)
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