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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : 2. Weltkrieg: Zeitzeugenbericht Hamburg


Dr. w.c. Gerland
08-05-2009, 06:34
In den Akten Unseres Urgroßvaters fanden Wir folgenden Erlebnisbericht. Da wir ja ein historisch interessiertes Forum sind, wollen Wir diesen gerne zur Verfügung stellen. Das ganze Geschehen, aus der Sicht kleiner Leute. Unser Urgroßvater (Jahrgang 1882), pensionierter Torpederkapitänleutnant dann Luftschutzwart, berichtet:

Die Schreckensnächste der Hausgemeinschaft Wollfstraße 4
Bei dem Fliegergroßangriff am 24.07.43 war die hausgemeinschaft des Grundstückes Wolffstraße vollzählig anwesend und kurz nach dem Alarm im Luftschutzkeller versammelt. 2 Männer, 5 Frauen und 1 Junge. Sehr schnell erfolgten die ersten Detonationen schwerer Bomben in der Nachbarschaft des Hauses. Ich hatte vorsichtshalber den Wasserschlauch von 10m Länge am Wasserhahn im Keller anschlagen lassen und bis in den Flur zum Erdgeschoss verlegt. Aber gleich darauf wurde mir gemeldet, dass kein Wasser mehr in der Leitung vorhanden sei. Inzwischen war der Junge ins Parterre gelaufen um den vergessenen Kohlekellerschlüssel zu holen. Plötzlich eine heftige Detonation, das Haus erzitterte in den Grundmauern und die Dachpfannen rasselten von oben. Im Luftschutzkeller selbst war von einem Luftdruck nichts zu spüren. Der Junge war während der Detonation im Parterrezimmer. Ihm flog die große Flügeltür aus dem Wohnzimmer gegen den Rücken, sodass er sich nur mit Mühe freimachen konnte. Er kam glücklicherweise mit einem mächtigem Schrecken davon.

Bei näherer Umschau und Begehung des Hauses zur Feststellung ob Brandgefahr vorliege, ergab sich dann, dass fast sämtliche Türen aus den Angeln waren und teilweise im starken Holz zersplittert waren. Auch war kein heiles Fenster mehr vorhanden. In der Dachwohnung war die Trennwand zum Boden herausgerissen, der dort stehende Glasschrank umgestürzt und sämtliche Gläser darin zerbrochen. Am Morgen nach gründlicher Reinigung der Räume von Glassplittern war bald wieder einigermaßen Ordnung geschaffen und alle hat sich von dem Schrecken erholt. Die Aufräumungsarbeiten gingen weiter. Im Dachgeschoss mussten die herausgerissenen Gipswände und Decken entfernt werden und dann ging es an das Aufräumen des Daches. Alte Kacheln wurden gesammelt und zum Ausbessern verwandt. Die Frauen holten mit einem Blockwagen 500 neue Pfannen und so war das Dach mit vieler Mühe und viel Fleiss bis zum Donnerstag fast ganz gedeckt. Für weitere Luftangriffe waren zwei große Balgen mit Wasser gefüllt und Eimer klargestellt, denn in der ersten Alarmnacht waren eine große Menge Brandbomben geworfen, wovon von und noch mehrere in der Nähe des Hauses gelöscht worden waren. Auch hatten wir sämtliche Garderobe in den Keller geschafft und sonst noch einige Sachen, die dort Platz fanden, untergebracht.

Beim Alarm vom 29/30.07.43 mussten alle eiligst in den Keller. Wieder erschütterten heftige Detonationen das Haus und die tief herunterkommenden Flugzeuge, welche mit Bordwaffen die Flakstellungen beschossen, brummten über uns hinweg. Plötzlich mehrere starke Detonationen und furchtbares Getöse. Als wir uns von der Erschütterung erholt hatten, wollten wir nach Brandbomben sehen. Schon im Flur im Parterre schlug uns Qualm entgegen. Im Parterrezimmer vorne brannte es sehr stark. Es konnte doch der Brand mit einigen Eimern Wasser fast gelöscht werden. Ich überliess dem alten Schacht hier die weitere Arbeit und eilte nach der ersten Etage. Hier war der Brand schon bedeutend stärker. Leider hatten die Einwohner die vom letzten Angriff herausgebrochene Tür mit einem Schrank verstellt, sodass es sehr schwer war in das Zimmer einzudringen. Erst nach mehreren Versuchen gelang es mir die Tür mit dem Schrank nach innen zu drücken. Sofort schlugen mir die Flammen entgegen und die ganze Stube war ein Feuermeer. An ein Löschen war nicht mehr zu denken, denn Schacht hatte inzwischen, unter Ausserachtlassung der Feuerlöschspritze das vorhandene Wasser verbraucht und schließlich doch keinen Erfolg mehr gehabt. Es war jetzt vor allen Dingen Zeit die alten Frauen aus dem Luftschutzkeller zu bringen. Unsere Oma Bloeß kam glücklich alleine mit Unterstützung durch ihre Tochter heraus, während die 50 Jahre alte kranke Tochter vor Schreck nicht gehen konnte und von mir aus dem Keller ins Freie getragen werden musste.
Dann ging es ans Bergen der Sachen, die aus dem Keller geholt werden mussten. Zuerst war die Verqualmung des Einganges noch nicht sehr stark. Es konnten die Kleidungsstücke, Akten, Luftschutzgepäck geborgen werden. Viel Mühe machte ein schwerer Tropenkoffer, der Einwohner Sommer, der vollgepackt mit Wäsche war., und den der Junge und ich kaum schleppen konnten. Auch zwei weitere schwere Koffer von Ottos konnten noch herausgeschafft werden. Dann war der Zugang vom Flur aus unmöglich. Jedoch konnte ich von Außen in die Parterrezimmer der Oma gelangen und fort zum Fenster hinaus die Betten retten. Auch die am Haus stehenden Kaninchen konnten wir mit vieler Mühe fortschaffen. Leider habe ich durch die Bergung der Sachen der Einwohner vergessen, meine Schreibmaschine und ein paar wertvolle Bronzen zu bergen, die ich im Kohlekeller verstaut hatte.
Nun mussten alle Einwohner mit den geretteten Sachen weiter nach hinten in den Garten geborgen werden. Hierzu holten wir den Krankenwagen der Oma aus der Garage, wo das Dach glücklicherweise nicht ganz eingedrückt war, sodass der Wagen heil geborgen werden konnte.


weiterer Teil folgt.